Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 356 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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ACHER ODER DIE RESTE DER TUGEND Resten zu den Menschen gehen!« Darauf leerte er seinen Beutel bis auf den letzten Rest, warf die Münzen unter die Menge und ging seiner Wege. Als er den Pfad zwischen den Weinbergen hinabstieg, um die Stadt zu erreichen, begann schon die Nacht die Hügel zu umschatten. Wie nun Meir dem immer eiliger Voranschreitenden folgte und sein Keuchen vernahm, wurde er von einer unerklärlichen Angst ergriffen, die ihn den Meister am Mantel fassen ließ: »Rabbi, kehr um!« rief er, der aber riß sich los, daß der Mantel in Mei'rs Händen blieb. Stöhnend sprang Acher im Dunkel die Stufen der Weinberge hinab, angstvoll folgte ihm der Schüler. Rabbi Meir konnte noch, als er schon als Greis in seinem Lehrhause saß, von den Schaudern dieser nächtlichen Heimkehr nicht erzählen, ohne Tränen zu vergießen und auf seine grauen Haare zu weisen, die er am Morgen jener Nacht zum ersten Male auf seinem Haupte fand. Als sie sich dem Lehrhause näherten, kam ihnen in der Finsternis ein Zug mit Fackeln entgegen. Männer trugen eine Bahre und VIKTOR TISCHLER ERIKA murmelten Gebete. Zitternd und atemlos blieb Meir stehen, indes der Meister weiterlief. Dann hörte er plötzlich aus einiger Entfernung den Schrei Achers, der sich schmerzerfüllt über die Bahre warf, die den Leichnam seines einzigen Sohnes trug. Man hatte sie ihm drei Tagereisen weit von Antiochia gebracht, und nun saßen Meister und Schüler allein im verödeten Lehrhause und hielten beim Scheine der einsamen Totenlampe die nächtliche Wacht. Sie schwiegen lange. Um die Mitternacht fing der Meister zu reden an: »Was war das für ein Gleichnis mit dem Kind im Nachen?« Die Frage war an Meir gerichtet und doch war es, als spräche Acher in der Stille der Nacht zu sich selbst. »Das Kind glaubte zu rudern,« sagte Meir, »und doch war es nur die Strömung, die den Nachen trieb. So schlagen wir Menschen gar oft mit leerer Rute die Lebensflut und jubeln laut, wenn unser Nachen treibt. Der Strom der Liebe trägt uns immer noch, wenn das Ruder der Gottesfurcht längst zerbrochen ist.« Mei'r schwieg eine Weile, als wartete er auf Antwort. Dann legte er seine Hand auf die Hand Achers: »Rabbi, kehr um!« »Ich kann nicht!« stöhnte Acher und ließ das Haupt noch tiefer auf die Knie sinken. So saßen sie lange, bis ein herannahender Lärm von der Straße sie erweckte. Man hörte Drohungen, Schreie und Fackellicht erhellte die Gasse. Meir lehnte sich zum Fenster hinaus, gleich darauf taumelte er bleich zurück und mußte sich an die Wand lehnen, so ergriff ihn, was er gesehen hatte. »O Rabbi, der Sohn des Schuld^ herrn prügelt seinen Vater auf der Straße und schreit um Geld.« »Das ist der Rest vom Reste, Meir,« sprach weinend der Meister, »jetzt mußt du mir den letzten Brief meines Sohnes lesen, der mit seiner Leiche kam, damit ich auch diesen Rest vom Reste höre. Meine Seele ist müde zum Tode.« Damit reichte er ihm eine versiegelte Briefrolle, die Meir zitternd nahm. Der Lärm der Straße war vorüber, der Meister war stiller geworden, Totenruhe herrschte, als Meir die Rolle löste und in griechischer Sprache las: »Wenn du diese Worte liest, mein Vater, wirst du an meiner Leiche sitzen. 356