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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 355

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 355 (sequence 20)
Language
German
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ACHER ODER DTE RESTE DER TUGEND folgte, sich noch oftmals umsehend, dem Lehrer. Schweigend schritten sie Beide zwischen den wogenden Saaten, und die sinkende Sonne beschien sie. Mei'r merkte wohl, daß der Lehrer ihm grollte, aber er war noch zu freudevoll ob der Fülle des Erlebten, als daß er seine Worte hätte bereuen mögen. VieW mehr heftete er seine Schritte eng an die des Lehrers, und als ihm das Schweigen unerträglich wurde, bat er leise zum zweiten Male: »Rabbi, kehr um!« Der aber beschleunigte nur seine Schritte und tat, als hörte er nicht. Endlich seufzte er, blieb stehen und sprach: »Es hilft nichts, ich muß schnell zu meinem Sohne. Wir wollen uns noch heute Nacht einen Esel nehmen und gen Antiochia ziehen!« Wie sie weiter gingen, kamen sie an einem Weiher vorbei, wo sich ihnen ein liebliches Abende bild bot: Am Ufer lagerte mit seiner Herde ein Hirt und schnitzte an einem Hollunderstab. Mitten auf dem Wasser aber saß in einem Nachen ein braunes, nacktes Kind. Offenbar hatte es sich den Nachen vom Ufer losgebunden, und da ein Bach durch den Weiher floß, war das Boot in die Strömung geraten und glitt langsam dahin: »Sieh, Vater, ich rudere!« schrie das Kind und schlug das Wasser mit einem leichten Blütenzweig. Da sprang der Hirt auf und lief ängstlich hin und her, denn er fürchtete, das Kind möchte durch die Strömung in den Bach getrieben werden, der an seiner Ausgangs^ stelle einen zwar nur kleinen, aber reißenden Absturz hatte. »Ich rudere! Ich rudere!« rief das Kind immer wieder und kümmerte sich nicht um die Zurufe des Vaters, der schließlich, wie er war, in den Weiher springen mußte, um im letzten Augenblick den Nachen abzufangen und halb scheltend, halb lachend ans Ufer zu ziehen. Bald sah man ihn mit dem nackten Kinde auf dem Arm in der untergehenden Sonne davonschreiten. Traurig sah Acher auf den stillen Wasserspiegel, der zurückblieb, während der Schüler mit freudigen Augen den Beiden nachschaute, bis sie verschwunden waren. »O Mei'r,« seufzte der Meister endlich, »was habe ich dir getan, daß du mir meine Tugend streitig machst?« Da antwortete Jener: »Meister, hast du den Nachen gesehen und den Hirten und das Kind?« und ohne eine Erwiderung abzuwarten, fügte er hinzu: »Was wir sahen, Meister, war ein Gleichnis.« Acher ging weiter. Sie waren nicht mehr fern der Stadt, als sie den Lärm eines Volkshaufens hörten, der ihnen entgegen kam. Hinter einer Biegung des Weges trafen sie vor der Tür eines alten Bethauses einen Schuldherrn, der durch seinen PAUL KÖNIGSBERGER TORSO Sohn und seine Knechte einen jungen Menschen abführen ließ. Ein armes Weib klammerte sich an den Jüngling und wollte den Knechten wehren. Der Schuldherr hieß sie vor der Tür des Bethauses mit dem Gefangenen warten und betrat das Heiligtum, um sein Abendgebet zu verrichten. In der Zwischenzeit erfuhren Acher und Mei'r, daß das Weib, eine arme Witwe, dem Wucherer, der drinnen betete, verschuldet war, und deshalb ihr Sohn jetzt in die Schuldknechtschaft abgeführt werden sollte. »Wie groß ist deine Schuld?« fragte Acher die Witwe, und als er die Summe erfuhr, zog er seinen Beutel und zahlte sie vor Zeugen dem Sohne des Wucherers aus. Als der aus dem Bethause kam und erfuhr, was geschehen war, riß er dem Sohne das Geld aus der Hand. »Gott ist groß«, schrie er, »weil ich fromm war, hat er mir diesen geschickt, daß ich zu meinem Gelde käme!« Der Sohn aber stand dabei und blickte böse auf den Vater. Da lachte Acher, schlug dem Wucherer auf die Schulter, daß er zusammenknickte, und rief, nicht ohne einen bitteren Seitenblick auf Mei'r zu tun: »Nimm die Reste deiner Tugend, Mensch, und füttere deinen Gott damit, ich will mit meinen 355

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