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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 354

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 354 (sequence 19)
Language
German
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ACHER ODER DIE RESTE DER TUGEND den Knechten und Mägden und befanden sich bald mitten in der Arbeit auf dem Weizenfelde, wobei Mei'r die Rüstigkeit des Greises bewunderte, der Allen voran kräftig seine Sichel schwang. Noch mehr aber staunte er über die freudige Gier, mit der Acher, hinter dem Vater gehend, dessen sinkende Garben erraffte. Um die Mittagszeit blickte der Alte nach der Sonne, sammelte die Seinen um sich und begann nach seiner Gewohnheit das Gebet zu sprechen. Acher stand dabei und bewegte die Lippen, so daß Mei'r sehr erstaunte und sich fragte, ob er denn wirklich bete oder nur aus zärtlicher Rücksicht auf den Vater so tat. Nach dem Gebet kam eine größere Schar armer Frauen und Kinder das hügelige Gelände herauf, und der Alte ging mit ihnen zur Ecke des Feldes, die ungeschnitten geblieben war, und nach dem Gesetze Moses den Armen gehörte. Als die Armen sie für sich geerntet hatten, wurden sie unter den Schatten eines hohen Baumes geführt, wo sie mit Abuja und den Seinen das Mittagmahl halten durften. Acher saß neben dem Vater und wurde nicht müde, die Erinnerungen seiner Kindheit wachzurufen, den Vater auszufragen, ob er noch gedenke, und die alten Hausgenossen zu beglücken mit der Erinnerung an entschwundene Zeit. Mei'r verglich dabei im stillen Vater und Sohn, und indem er hörte und schwieg, bemerkte er in den Augen des Meisters einen Fieberglanz der Erinnerung, der ihn seltsam erregte. Nach dem Mahle wurde wieder Gott gedankt für die Gabe des Brotes, wie es sich gehörte. Als die Armen sich darauf verabschieden wollten, verteilte Acher zuvor reiche Almosen unter sie, wobei er sich an ihren Ausrufen und freudigen Dankbezeugungen von Herzen ergötzte. Aber schon forderte die Tagesstunde ihre Pflicht, und die Ernte ging fort, bis die Sonne zur Rüste kam. Mitarbeitend, mitgenießend, mitbetend konnte der junge Mei'r seine Augen nicht von dem wunderschönen Bilde des anmutigen Greises lassen und spürte mit immer größerem Entzücken Würde und Glück so frommen und arbeitsamen Lebens, wie es heißt: »So du die Mühsal deiner Hände issest, Heil dir, so geht dirs wohl!« Als der Abend kam, nahmen Acher und sein Schüler von dem alten Abuja Abschied. Wieder legte der Alte dem Sohne segnend die Hände auf, und Mei'r stiegen die Tränen in die Augen, als er an des Tages schönem Ende gedachte, was gestern war und morgen wieder sein würde, wenn das einsame Lernen von neuem MARC CHAGALL begann. Als der alte Abuja ihm daher zum Abschied die Hand reichte und bat; »Sage mir ein gutes Wort, junger Meister, damit ich mich deiner erinnere!« war er sehr erregt und konnte sich zuerst nicht fassen. Plötzlich aber erfüllte den Jüngling eine hohe Freude, er blickte mit glänzenden Augen vom Vater auf den Sohn und vom Sohn auf den Vater, und ganz aus einem ersten und reinen Gefühle rief er aus: »Ich danke dir, Vater Abuja, daß du mich in deinem Sohne die Reste deiner Tugend hast genießen lassen!« Als Acher solche Worte hörte, blickte er einen Augenblick auf, dann wandte er sich schnell und ging, ohne ein Wort zu sagen, den Feldweg hinab. Da riß auch Mei'r sich von dem Alten los und DER MUSIKANT 354

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