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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 352

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 352 (sequence 17)
Language
German
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ACHER ODER DIE RESTE DER TUGEND gewordene Rabbi Mei'r damals als Einziger bei dem Abtrünnigen ausgehalten hat, entzieht sich völlig unserer Kenntnis. Doch scheint es, und auch die nachfolgende Überlieferung mag es wohl beweisen, daß das junge, empfängliche Gemüt des Schülers durch das aufregende Erlebnis des geliebten Lehrers völlig gebannt und aufgesogen wurde, gleich als hätte sich in der Gestalt des gottlosen Weisen das Rätsel des Lebens selbst in seiner dunklen Schreck haftigkeit vor ihm aufgerichtet. So blieb der junge Mei'r zu den Füßen Ben Abujas sitzen und teilte die große Einsamkeit mit ihm, von der die Wände des Lehrhauses doppelt hohl widertönten, wenn der Meister redete. Viele Monde waren so vergangen, ohne daß sich irgendetwas verändert hatte. Acher lebte gegen das Gesetz, das er seinen Schüler lehrte, betete nicht mehr, fastete nicht mehr und verachtete den heiligen Brauch der Väter. An jedem Sabbath aber ritt Acher ins Freie hinaus und Mei'r lief neben ihm her. Wenn sie dann an die Sabbathgrenze kamen, spradi Acher lächelnd vom Pferd herab: »Hier ist die Grenze, Mei'r, weiter darfst du nicht.« Dann kehrte Mei'r um, Acher aber ritt hinaus ins weite Land. Eines fiel Mei'r auf: Je abtrünniger der Mei^ ster sich zeigte, um so mehr wurden der Ar^ men an seinem Tische. Und waren es früher Zweihundert, so waren es jetzt Heere von Hungernden, die er um sich sammelte und speiste. Ja, es schien dem Schüler, als wenn ein Lächeln ganz besonderer Liebe und Milde die Züge des Meisters verklärte, das um so heller strahlte, je feindlicher ihm Blick und Zuruf der verletzten Menge folgten. JOSEF FRANK Eines Morgens saßen sie wieder im Lehrhause beisammen, und das große Schweigen kam über sie. Nachdem sie eine Zeit so gesessen, unterbrach Acher die Stille: »Du siehst, Mei'r, die ganze Welt hat sich von mir abgewandt. Warum bleibst du noch bei mir? Du wirst den Tadel der Welt erfahren.« Als der Schüler auf diese Anrede schwieg, blickte ihn der Lehrer verwundert an und fragte: »Was grübelst du, Mei'r?« »Meister,« antwortete dieser, »seit langem bewegt mich eine schwere Frage: Du hast Gott und sein Gesetz verlassen, Meister, aber du bliebst ein Vater der Armen und ein Hort der Waisen und Witwen. So sehe ich einen tugendhaften Gottlosen in dir und frage mich: Wo nimmst du deine Tugend her, wenn du sie von Gott nicht nimmst und seinem heiligen Gesetz? Woher nimmst du das Lächeln deiner Liebe, da die Quellen des Gebetes dir versiegt sind? Meister, die Welt ist mir schwer, seit ich deine Gottlosigkeit und Güte sah!« Als Acher solche Worte hörte, sah er den Sprecher mit liebevollem Blicke an und sagte: »O Mei'r, auch der weise Sokrates kannte kein Gesetz und kein Gebet und war doch gut!« Beide schwiegen eine Weile, und es war totenstill im Haus. Endlieh richtete Mei'r seine Augen flehend auf den Lehrer und sagte leise: »Rabbi, kehr um!« Da stand Acher auf, verließ schweigend den Raum und trat auf die Gasse. Mei'r folgte ihm. Als sie eine Weile stumm nebeneinander gegangen waren, be= ^- . gann Acher: »Höre, *J*^äZ*.~<L^Z£m MeYf/ die Einsamkeit HAUSEINGANG ist zu schwer für uns 352

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