Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 351 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133286--426-3133734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
JOSEF FRANK KINDERHEIM ACHER ODER DIE RESTE DER TUGEND VON EMIL BERNHARD In Tiberias, am felsigen Ufer des Genezarethsees, lebte in den Zeiten des Kaisers Antonius Pius der weise Elisa ben Abuja, gleich berühmt durch sein tiefes Forschen in der heiligen Lehre wie durch seinen makellosen und menschenfreundlichen Wandel. In seinem Lehrhause sammelte sich in jenen Tagen die ganze wißbegierige Jugend Judäas, und an seinem Tische aßen täglich zweihundert Arme. Als seine Frau starb, hatte sie ihm einen einzigen Sohn, Hyrkanos, hinterlassen, der ein Jüngling von vollendeter Schönheit und Anmut des Geistes war und an dem der Vater mit unverhohlener Liebe hing. Linter seinen Schülern aber war Keiner, dem er so viele Zeichen wahrhaft väterlicherZuneigung entgegen^ brachte, wie der damals noch junge Rabbi Mei'r. In den Zeiten, von denen wir reden, war Ben Abuja ein Mann von etwa fünfzig Jahren und ein überaus starker und lebendiger Geist. Kein Wunder, daß er die zahllosen Schüler von fern und nah in seinen Bann zu ziehen und seine Schule bald zu einem Mittelpunkte der Gelehrsamkeit zu machen wußte. Ja, wie groß die Kraft und Gelehrsamkeit des Mannes war, geht daraus hervor, daß er sich Dinge gestatten durfte, die in jenen schlimmen Tagen als verpönt galten und gewiß keinem Anderen als ihm verziehen worden wären. War es doch seit langem von ihm bekannt, daß er den Schriften der griechischen Weisheitslehrer eine mehr als gewöhn^ liehe Aufmerksamkeit zuwandte, ja, daß sogar, wie man sich heimlich zuflüsterte, die griechischen Lieder aus seinem Munde nicht wichen. Trotzdem überraschte es seine Schüler, als sie eines Tages sahen, daß der Weise seinen Sohn, statt ihn nach dem Brauche der Väter in die Lehrhäuser Israels zu schicken, nach Antiochia in eine griechische Schule tat. Diese Überraschung jedoch währte nicht lange, sondern wurde bald überholt durch den plötzlichen offenen Abfall Ben Abujas vom Gesetze der Väter,- an einem heiligen Sabbathtage ritt der Weise hoch zu Roß durch die Straßen von Tiberias, wobei er sein Pferd mit griechischem Zuruf antrieb und spöttisch lächelnd auf die verstummende Menge herabsah. Das ganze Land, so wird uns überliefert, erbrauste damals ob dieses Abfalls eines seiner größten Söhne. Wie Tauben vor einem Turmfalken fliehen, stoben die Schüler seines weitberühmten Lehrhauses auseinander, und es währte nicht lange, so saß Rabbi Elisa ben Abuja völlig vereinsamt in seiner Schule. Alle hatten ihn verlassen bis auf den jungen Mei'r, der als Letzter und Einziger seiner Schüler zu seinen Füßen blieb. Ben Abuja selbst wurde im Volke seit diesem Tage nur noch »Acher«, das heißt »der Andere«, genannt, unter welchem Namen auch die jüdische Überlieferung sein dunkles Andenken bewahrt. Wie es aber kam, daß der durch seinen frommen und gläubigen Sinn nachmals so berühmt 351