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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 347

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 347 (sequence 12)
Language
German
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DAS GHETTO VON LUBL1N Die Katastrophe vom Jahre 1655 übte ihren Einfluß auf die Verschiebung des Ghettos. Die Juden übersiedeln, vorderhand, in die Stadt — intra muros — und hier beginnen sie nun langsam Handel und Gewerbe zu treiben. Was natürlich wieder den Vorkriegszwist hervorruft, denn der öffentliche Mensch will die Rivalität des Juden neben sich nicht ertragen. Ein Prozeß um die Abschiebung der Juden aus der Stadt begann, der mit Unterbrechungen hundert Jahre dauerte. Und während dieses Prozesses wiederholen sich fortwährend Lynchgerichte, Räubereien, Überfälle und Pogrome. Im Jahre 1761 gewann der öffentliche Mensch und die Juden wurden aus der Stadt hinausgeworfen und in das alte Ghetto auf Podzamcze, das schnell wiedererrichtet wurde, hineingepfercht. Eine kleine Anzahl von Juden, die in der Stadt verblieben war, schoben von dort die Österreicher ab, die im Jahre 1795 in Lublin einmarschiert waren. Und wieder Sturm auf die Stadttore und wieder umgibt der jüdische Handel das Stadttor und bemüht sich durchzudringen in die Stadtstraße und von da auf den Ringplatz. Und inzwischen nisten die Juden rings um das zerstörte Schloß und ziehen ihre Häuser und Häuschen bis zur Czechowka und über sie bis zu ihrem Friedhof und der Kalinowszczyzna hinaus. Erst die Reformen Wielopolskis im Jahre 1862 öffneten den durch den Kampf Ermatteten die Tore der Stadt und siehe da, in kurzer Zeit hatten INNENANSICHT DERMAHARSCHALSCHUL (Erb. 1567) die Juden fast alle Häuser besetzt, die alten Paläste restauriert und am Ringplatz selbst und in den benachbarten Gassen ihre Läden und Werkstätten eröffnet. Und die alte Stadt wurde jüdisch, nur ihr kleinerer Teil, der beim arianischen Tor, der Kathedrale <der Jesuitenkirche) und den Dominikanerbauten blieb in christlichen Händen. Der Rest ist Ghetto, ähnlich dem früheren Judenviertel hinter dem Stadt=, vufgo jüdischen Tor. Aber die eigentliche Stadt Lublin, die uralte civitas fußfinensis, floh vor den Juden und setzte sich in der alten krakauer Vorstadt im Westen und Süden vom Krakauer Tor fest. Hinter dem Tor blieben die Juden und schufen ein neues Ghetto. Will man es kennen lernen, gehe man durch das Krakauer Tor unter dem uralten Muttergottesbild durch, man kommt auf den Tribunalsring und geradeaus in die Grodzka=Gasse mit der Aussicht auf das gegenüberliegende Stadttor, das jüdische Tor, das vor dem Jahre 1862 die Grenze des Ghettos bildete. Man gehe durch dieses Tor, betrachte es von der jüdischen Seite und, unbekümmert um Geschrei, Enge und Schmutz des Ghettos, stürze man sich nach links rings um das Schloß in die Szeroka=Gasse. Das ist die Hauptarterie des ehemaligen Judenviertels. Rechts sind die uralten Häuser, die mit der Rückseite den Schloßberg emporklimmen, links findet man zwischen Wohnhäusern einige Synagogen, wie unter Nr. 2 das Bethaus des Hirsz Doktorowicz <XVII. Jahrhundert), unter Nr. 28 das kleine Bethäuschen des Zaddiks Horowitz, unter Nr. 40 das der Familie Eiger, unter Nr. 44 das Bethaus des Abraham ben Chaim, des oben genannten Vorsitzenden der Judenversammlung. Gegenüber diesem Gäßchen tritt man in die Jateczna- Gasse, wo sich der Mittelpunkt des alten jüdischen Lublin befindet. Hier steht die uralte Synagoge des Maharszals <Salomon Lurje) und in ihr ein mächtiges Gewölbe, auf zwölf <vier Gruppen zu drei) Pfeilern ruhend, die einen schönen Almemor flankieren. Und zusammen mit diesem Tempel, unter einem Dache mit ihm, ist das sogenannte Maßaram-Bethaus <Majers aus Lublin) aus dem Anfang des XVII. Jahr^ hunderts, in dem aller Wahrscheinlichkeit nach die Sitzungen der Judengemeinde stattfanden. Der Betsaal ist länglich, basilikaartig, der Plafond niedrig, die Frauenabteilung auf demselben Stockwerk wie der Saal für die Männer und von ihm nur durch schöne Pfeiler getrennt. Gegenüber diesen Synagogen ist das alte Betß Hamidrasch und weiter über das Flüßchen der Weg auf den Friedhof. Man tritt durch ein Pförtchen und ist wie in einem schönen, aber vernachlässigten Garten. Der Pfad windet sich durch das Gesträuch und aus dem Grün schauen die uralten Denkmäler der Großen und Kleinen in Israel. Schrecklich ist die Unordnung hier und schrecklich die Verwüstung. Was die Zeit nicht vernichtet hat, haben die Menschen vernichtet und es gibt auf diesem Friedhofe keinerlei Wärter. Von Jahr zu Jahr stürzen mehr dieser Gräber ein und es wird kommen die Zeit, wo alle eingefallen sein werden 347

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