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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 346

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 346 (sequence 11)
Language
German
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DAS GHETTO VON LUBLIN DAS JUDENTOR VON DER GHETTOSEITE finden, unter anderem das für den ersten bekannten lubliner Rabbiner Schalom Schachen <gest. 1559) errichtete Grabmal. DiesenRabbiner hatte Siegmund I. zum Landesrabbiner für Kleinpolen ernannt. Weiters ist dort das Grab des früher genannten Salomon Lurje, dem Siegmund August den Titel eines Rektors verliehen hatte, auch die Gräber der Gemeindeältesten und ihrer Syndici sind dort zu finden, wie z. B. das Abraham Reb Chaims <gest. 1762), des Vorstehers der Judenversammlung, der während des Disputationen der Frankisten die Judenschutz* wehr organisiert hatte, und das Grab seines Sohnes, des lubliner Rabbiners und Zaddiks Jakob Isaak Horowitz, der den Grundstein zum polnischen Chassidismus gelegt hatte, und seines Feindes Asrael Horowitz, jenes Mannes »mit dem eisernen Kopf«, an dem die Versuchungen der polnischen Zaddikim zuschanden wurden. Auf diesem Friedhof ruht auch der Arzt Michael Wisniowieckis, der Doktor der Universität Padua, Felix Vitalis, und auch der Arzt Dr. Salomon Montalto <gest. 1638), dessen Vater Elias Montalto aus der Hölle der portugiesischen Inquisition geflohen und Arzt am Hofe der Mediceer in Florenz geworden war. Und als Maria de Medici sich mit dem König von Frankreich, Heinrich IV., vermählte, folgte ihr Elias in ihre neue Heimat und war dort bis an sein Lebensende ihr und ihres Sohnes, Ludwigs XIII., Berater. Aber das menschliche Leben tendiert nicht in die Richtung des Friedhofes und von der Heiligkeit Israels kann das Volk nicht leben. Also entstehen auch — unabhängig von Synagogen und Schulen — rings um das Schloß Häuser und Häuschen aus Stein und Holz — die Krawiecka=Gasse, Podzamcze und die Hauptarterie des Ghettos, die Szeroka* Gasse, die mit doppeltem Ring das uralte Schloß umgeben. Und von diesem Ring ist nur ein Schritt zur Stadt, in der den Juden zu wohnen seit Jahr* hunderten verboten ist. Warum es nicht erlaubt ist und wer das Privileg de non toferancfis Judaeis ediert hat, ist weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart Jemandem zu erfahren gelungen. Aber da die Sage davon sprach, so wachten denn Rat und Stadtversammlung und der einfache Christenmensch eifrig darüber, daß »kein Ungläubiger sich intra muros ansiedle und mit seinen verdreherischen Mitteln dem ehrlichen Kaufmann oder Handwerker schade.« Zu Beginn des XVI. Jahrhunderts konnte nur ein einziger Jude dieses Gebot übertreten, das war der russische Zöllner und Faktor Siegmunds I. Josko Szachnowicz. Aber nach ihm kommen Andere, mieten Läden und Lager in den Häusern der städtischen Patrizier und zahlen gesalzene Zinse. Auch in den Mönchsklöstern und Magnatenpalästen sind jüdische Kaufläden zu finden. Auf den großen lubliner Jahrmärkten, bei denen sich Westen und Osten die Hand reichen, treffen sich zahlreiche eingeborene und fremde jüdische Kaufleute,• das jüdische Jahrmarkttribunal hat alle Hände voll zu tun. Aber der öffentliche Mensch will die Rivalität des unehrlichen Kaufmannes nicht ertragen, der zünftige Handwerker will sich die Arbeit nicht von einem unzünftigen »Patzer« wegnehmen lassen, und aus dieser Konkurrenz entbrennt der Kampf um das Recht, in der Stadt zu wohnen und zu handeln. Der öffentliche Mensch will den Juden wieder hinter das städtische, vulgo jüdische Tor in das Viertel am Podzamcze hinausdrängen, in die Judenstadt zurück. Also beginnen Rauferei und Prozeß,- mit rechten und unrechten Mitteln wird der Streit geführt, in dessen Höchstpunkt der große kosakisch* tatarisch*schwedisch=moskowitische Krieg fällt. Lublin war schon im Jahre 1648 bedroht, die Truppen Chmielnickis zernierten Zamosc. Doch war das nur ein Vorspiel, das Handel und Gewerbe in der ganzen Stadt unterband, die wirkliche Tragödie folgte im Jahre 1655, als die Russen Lublin einnahmen und den Bewohnern befahlen, dem Zaren Treue zu schwören und alle Juden mit Frauen, Kindern und der ganzen Habe auszu* liefern. Die Stadt lieferte die Juden aus, aber die Russen schenkten ihnen das Leben. Nach einigen Tagen jedoch (am Vorabend des Hl. Laubhüttenfestes) zündeten sie das ganze Judenviertel mitsamt dem Schloß an und verwandelten alles, was sich hinter dem jüdischen Tor befand, in Trümmer und Asche. Das ganze Ghetto ging in Rauch und Flammen auf und zweitausend jüdische Leichen bedeckten die Gassen von Podzamcze. 346

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