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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 345

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 345 (sequence 10)
Language
German
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DAS GHETTO VONLUBLIN VON DR. MAJER BALABAN Die polnischen Städte modernisieren sich und gleichzeitig mit ihrer Erneuerung schwinden die Überreste vergangener Jahrhunderte, die Zeugnisse geschichtlichen Ruhmes. Nur manche Städte, wie Krakau, Sendomir, Thorn oder das alte Warschau konnten ihr früheres Aussehen zur Gänze oder zum Teil beibehalten, in anderen wurde alles so gründlich erneuert, die Patina der Jahrhunderte so ausgiebig abgeschabt, daß von der alten Stadt oft nicht ein Stein auf dem anderen blieb. Das Los der Städte teilen auch die jüdischen Viertel. Hie und da nur haben sie ihr ehemaliges Aussehen behalten und begrüßen den Besucher mit festtäglichem Angesicht, im Allgemeinen aber hat man sich mit allen Kräften bemüht, dieses historische Antlitz auszulöschen, und oft ging man darin so weit, sogar die Namen der Gassen zu ändern, damit spätere Geschlechter nicht — Gott behüte! — erfahren, daß an diesem Orte je Juden gewohnt hatten, daß hier einmal jene enge und schmutzige, dunkle und laute Judengasse war, die pfatea Judaeorum. Die älteste Judengasse in Krakau ist die heutige Hl. Anna=Gasse. Schon im Jahre 1469 wurden die Juden aus ihr vertrieben, damit sie dem Ausbau der Universitätsgebäude nicht im Wege stehen. Die alte Judengasse in Lemberg — aus Akten bekannt seit dem Jahre 1387 — modernisierte man im Jahre 1907 und vorher schon hatte man sie in Blacharska= Gasse umgetauft. In Posen wurde 1805 der jüdische Friedhof abgetragen und an dessen Stelle der Wilhelmsplatz errichtet, der heute Platz des 21. Jänner heißt. Im Jahre 1908 wurden in der gleichen Stadt zwei uralte Synagogen in der Judengasse niedergerissen und an ihrer Stelle ein modernes Spital erbaut. Von den jüdischen Gassen und Vierteln ist nicht viel zurückgeblieben, nur in wenigen Städten noch können wir sie zur Gänze sehen, und zu ihnen gehören: Kazimierz bei Krakau, Wilna, Lublin und zum Teil Lemberg, ungerechnet die kleineren Städtchen, wie Pinczow, Opatow und eine Reihe von Städten in Littauen, Weißrußland, Podlesie usw. Die Judengemeinde in Lublin ist jünger als ihre Schwestern in Großpolen <Kalisz, Posen), in Masuren <Plock>, in Krakau, in Lemberg usw. Die erste Nachricht über Juden in Lublin stammt aus dem letzten Viertel des XV. Jahrhunderts, und zwar bewohnten sie damals die Piaski <auf dem Sand), das ist in der Gegend des heutigen Bahnhofes. Zu Beginn des XVI. Jahrhunderts siedelt sich die Judengemeinde auf dem sogenannten Podzamcze an, das ist rings um das heutige <königliche> Schloß, hinter den Stadtmauern, in einer sumpfigen und ungesunden Gegend. Schon im Jahre 1540 besaßen sie ihren Friedhof auf dem sogenannten Grodzisko, das ist auf der Anhöhe hinter dem Schloß und einem Flüßchen, und im Jahre 1550 erwarben sie bei dem Bürger^ meister Andreas T^czynski »am Wege zum Czechöwka=Teich« einen geräumigen Platz zum Zwecke der Erbauung eines Schlachthauses und von Privatwohnhäusern. Im Jahre 1557 erwarb der bekannte Arzt des preußischen Prinzen Albrecht, Dr. Izafi Maj, einen Platz knapp unterhalb des Schloßberges, trocknete die Sümpfe und erbaute im Jahre 1567 eine überaus schöne Synagoge, die nach vielen Umbauten bis zum heutigen Tage steht und den stolzen Namen des Rabbiners und lubliner Rektors Salomon Lurje <gest. 1573) trägt: Maßarszaf —■ szuf. Von diesem Zeitpunkt an wurde dieses Gottes^ haus zum Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Lublin, also entstanden auch in seinem Umkreis andere öffentliche Bauten, wie die Talmudschule, die von Siegmund August privilegiert war, das Gemeindehaus, ein Schlachthaus, wie auch das Haus, in dem einige Jahrhunderte lang die Versammlungen der Kronjuden, die sogenannten »Zusammen^- künfte der vier Länder« stattfanden. Und unweit von diesem Mittelpunkt der Heilige keit, hinter dem Flüßchen auf der Anhöhe, breitete sich <und breitet sich bis zum heutigen Tage) der alte Friedhof, auf dem die Gebeine von ganzen Geschlechtern bestattet wurden. Ein Pantheon von Israels großen Rabbinen und Ärzten ist dort zu SCHLOSSGASSE JUDENTOR 345

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