Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 344 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DER NEUNTE AB JOSEF FLOCH seiner leidenschaftlichen Augen war mir als Bild der Erinnerung zurückgeblieben. Als wir dann die Treppe hinaufstiegen, die in den jüdischen Bazar führt, sagte Jishak: »Hüte dich vor Sidi musa, er ist ein Ab* trünniger, der eine neue Religion predigt.« Die ganze Nacht hindurch saßen wir im toten Bazar. Aus tiefster Stille, die nur dann und wann die Rufe der Wächter durchbrachen, weinten wir tonlos und tränenlos um den zerstörten Tempel und es war mir, als wäre mir der Tempel zerstört worden, als wäre mir dieses namenlose Unglück geschehen, und in diesem Augenblidc erst fühlte ich, warum das Gebot erlassen worden war, an diesem Tage den Körper zu kasteien. Wortlos saßen wir, und als der Morgen anbrach, gingen wir schweigend den Weg durch die Stadt hinaus zum Goldenen LANDSCHAFT Tor, das vermauert ward, um dem Maschiach den Eintritt zu verwehren, und wir saßen in der heißen Sonne, fastend, und wort* los trauernd bis um die Mittagszeit. In dieser Stunde aber ergriff mich plötzlich ein rasendes Ge* fühl der Freude. Wieder brach es wie ein Tanz aus mir. Entsetzt wollte ich es unterdrücken, mich des Unglücks erinnernd, um dessentwillen wir uns kasteien, doch in diesem Augenblicke rief eine Stimme aus dem Tale: „ Der Tempefbann nicht zerstört werden!" Wir blickten auf und sahen die schlanke Gestalt des weißen Chachams hinter den Ölbaumterrassen verschwinden. Der Tempel kann nicht zerstört werden! Wie ein Ruf der Engel war es in uns gedrungen und alle Trauer war plötzlich von uns abgefallen. Stille zarte Freude hatte uns miteinem ergriffen, und ich plötzlich des Künftigen es war mir, als wäre bewußt. »Um des Künftigen willen wollen wir uns freuen,« sprach Jishak meinen Gedanken aus, und wir brachen das Gesetz und gingen hin zur Freude und unterbrachen die Kasteiung unseres Körpers. . . O mein Bruder: idi habe das Gesetz gebrochen, ich habe es nicht übertreten, sondern willentlich, einem unbändigen Gefühle folgend, habe ich es gebrochen. Habe ich eine Sünde begangen, o Jossef, der du Zeit meines Lebens mich vor Sünden zu bewahren suchtest? Nein, o mein Bruder, es kann keine Sünde sein, denn Gott küßte midi vor den Toren Jerusalems und erlöste mich von der Trauer, da ich seine Schönheit verloren wähnte. Es ist kein Abend in dieser Stadt, der nicht die Trauer des Tages ver* sinken lassen würde. . . 344