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Das Zelt · 1924-10-01 · Heft 10 (Oktober 1924) · p. Seite 343

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 10 (Oktober 1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 343 (sequence 8)
Language
German
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DER NEUNTE AB die Menge der Betenden, die um ihre Führer geschart saßen und klagten, und küßte die Steine aus der Inbrunst meiner Trauer und ein fassungsloses Weinen brach aus mir, da ich vor der Mauer kauerte, den Kopf an ihre Quadern gelehnt. Um mich saßen die Betenden. Weinend zogen die Töne ihrer Klagelieder über den Platz. Ich wollte beten, doch wie hätte ich den Mund öffnen können, da er mir ver* schlössen war von der größten Trauer der Menschheit? Abseits stand ich dann, verzagt, eine aufgerissene Wunde am Körper dieses Volkes, vor der Mauer, da ergriff plötzlich eine Hand meinen Arm und vor mir, dem Aufblickenden, stand der magh^ rebinische Chacham. Trauriger Augen Blick sank in meine Seele und willenlos, einem drängenden Gefühle gehorchend, folgte ich ihm in den Kreis der weißen Kabbalisten, die in einer Ecke kauernd die Klagelieder lasen ohne die Augen zu heben aus dem taumelnden Entsetzen ihrer Trauer. Ich las mit ihnen und wir beendeten die Rezitationen in dem gleichen Augen* blick, da das Licht in der Lampe unseres Kreises herabgebrannt war. Es war ihm bestimmt gewesen zu brennen, solange es zu brennen hatte. Als ich aufblickte, sah ich Jishak ben jishak hinter mir kauern. Seine Hand griff nach der meinen und ein Pulsschlag durchbebte unsere Körper. »Nacht um Nacht, wenn Jerusalem schläft,« flüsterte er mir zu, »kommen die Seelen derVer* gangenen hier zusammen, nur in der Nacht der Zerstörung trauern sie an unbekannten Orten. Ihre Klagen aber brechen aus diesem Gestein in die Klagen der Betenden, und Wer versank in die Tiefe der Trauer, ohne vom Außen mehr etwas zu wissen, aus Dessen Seele weinen die Klagen aller seiner Vorfahren.« Ich antwortete ihm nicht, er aber verstand mein Schweigen. Mit wortlosem Gruß dankte ich dem Chacham, der segnend die Hand hob, und ich sah die weißen Gestalten, die schweigend, eine hinter der andern, ^•"-^SföC SS JOSEF FLOCH NAZARETH unhörbar fast, als wären sie abgestorbene Wesen, an mir vorüberziehen, die Treppe hinauf. Mich beugend und die Hand küssend, die an die Mauer gerührt hatte, wandte ich mich dann hinter ihnen zur Treppe. Als ich aber die erste Stufe betreten wollte, erfaßte mich Zaudern, und ohne Überlegung wandte ich mich zurück. Ein fremder Wille lenkte meine Schritte zu dem Ort zurück, wo ich mit den Kabba« listen gebetet hatte, und als ich mich umblickte, stand im Lichte des Mondes ein magerer dunkler Mann mit einer hohen persischen Mütze, die seltsam abstach von seiner westlichen Kleidung, an dieser Stelle. Er hob bei meinem Herankommen die Hände, als wollte er mich segnen, doch in diesem Augenblicke riß mich Jishak, der mir gefolgt war, zur Seite und flüsterte mir zu: »Hüte dich, Assaf, er ist ein Abtrünniger!« Ehe ich wußte, was geschah, war der Mann in den Schatten zurückgetreten und nur der irre Glanz 343

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