Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 342 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DER NEUNTE AB <AUS EINEM UNVOLLENDETEN ROMAN »EIN PROPHET TANZT IN JERUSALEM«) VON EUGEN HOEFLICH Mein Bruder Jossef, wie vermag ich dir die Stimmungen zu schildern, die midi stündlich neu überwältigen, midi wie ein schwankes Rohr im Winde hinwerfen und wieder aufheben? Die Feder vermag ich oft nicht zu halten, vermag oft nidit zu schreiben, denn es erscheint mir alles schal und müd und arm, aller Farben und aller Bewegung bar, was ich in Worte zu fassen versuche, wo doch alles so reidi, so voll Leben und bewegt und farbenprächtig ist, was stündlich neu auf mich einstürmt aus den kleinsten, unscheinbarsten und aus den großen überwältigenden Dingen dieser Stadt Jerusalem. Wo sind die Worte, die zu schildern vermögen, wo die Töne, die diese Harmonien wiedergäben? Es sind keine Farben, es sind keine Weiten, die ich in Worte zu fassen vermöchte, um dir Jossef, mein geliebter Bruder, mein Leben in JOSEF FLOCH Jerusalem zu schildern. Freude und Trauer, Lied und Leid, alles ist hier versammelt in meiner Brust, doch wenn ich des Abends meinen Tag überdenke ist kein Leid und keine Trauer, nur Freude und Lust und unendliche Dankbarkeit in mir. Alles Leid fällt ab, ehe die Abendröte aus der Wüste heraufsteigt und alle Trauer versank, kaum sie geboren ward. Wir trauerten alle Jahre unseres Lebens um den gefallenen Tempel, hier aber Jossef, ich vermag ja doch nicht alles zu erklären, sang ich, ehe noch der Tag der Trauer uns verlassen hatte, ein frohes Lied vom Künftigen. Dieser neunte Ab, den wir unter Weinen verbrachten, in zerrissenen beschmutzten Kleidern auf nacktem, kalten Boden, dieser Tag der Zerstörung, kannst du es erfassen, der du so vieles verstehen kannst, dieser Tag ward mir zur Quelle eines Liedes, das ich sang in die Sonne, in die Abendröte und in den halben Mond dann von der Spitze des Gebirges hinter Jerusalem. Trauer umschnürte meine Brust und ein schweres Gefühl, Furcht vor Entsetzlichem, war schon seit Tagen in mir, und als wir des Abends die Stufen zur Klage* mauer hinabstiegen, unbeschuht und verzagt, Licht hinter Licht, ver* stärkte sich dieses Gefühl in mir zu einem klagenden Weinen. Wohl wein* ten wir an diesem Tag wie in jedem Jahr, seit ich denken kann und vor uns unsere Väter, aber hier, in diesem Jahre, da ich die letzte Mauer des zerstörten Tempels vor mir sah, brach dieses Weinen aus den tiefsten Tiefen der Seele auf, in denen das Geliebteste schlummert. Verzagt und scheu drängte ich mich durch LANDSCHAFT 342