Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 337 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133285--406-3133713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
BUCH, KUNST UND KÜNSTLER Brandes, Prof. Albert Einstein, Prof. S. Freud, C. Weiz« mann. Unter den Mitarbeitern werden, um nur die bekannteren Namen herauszugreifen, angeführt: Leon Blum, der Führer der französischen Sozialdemokraten, Benjamin Cremieux, über dessen Werk in diesem Heft des »Zelt« gesprochen wird, Elie Faure, der bedeutendste französische Kunstkritiker, der prager Universitätsprofessor Ottokar Fischer, über den »Das Zelt« in seinem tschechoslowakischen Sonderheft berichtet hat, Edouard Herriot, der französische Ministerpräsident, der Komponist Darius Milhaud, der Minister Albert Thomas, Andre Spire, der den Lesern unserer Zeitschrift schon bekannt ist, Sir Herbert Samuel, Israel Hangwill und last not least der getaufte Jude Stefan Zweig, dem es im Auslande immer noch paßt, sich als Jude auszugeben. Die Zeitschrift will ein Bild der gesamten jüdischen Aktivität in allen von Juden bewohnten Ländern geben und literarische, künstlerische, philosophische, Wissenschaft« liehe, religiöse, soziale und politische Probleme erörtern. Dieses Programm ist groß und schwierig durchzuführen, aber es ist immerhin möglich, daß es von den angeführten Mitarbeitern durchgeführt wird. Was wir der Zeitschrift wünschen können, ist der Erfolg, den sie schon für ihr Programm verdient. J. K. BenjaminCremieux, einer der führenden französischen Kritiker, ist Jude. Er wurde am i. Dezember 1888 in Narbonne geboren. SeineStudien absolvierte er in Narbonne, Paris, Grenoble und Florenz. Er wird nach Absolvierung der Studien Agrege de TUniversite, dann Professor am Lycee von Tournon, schließlich am Französischen Institut in Florenz. 1914 rückt er freiwillig ein, macht Felddienst bei der Infanterie und wird dreimal verwundet. Augen« blicklich macht er diplomatischen Dienst am Quai d'Orsay. Er tritt in der Literatur ziemlich spät, nämlich erst im Jahre 1921, durch seinen Roman »Le Premier de la Classe« hervor, welches Buch sofort den Prix Blumenthal erhält. Von seinen Übersetzungen sind unter anderen das Buch Scipio Slatapers »Mein Bruder, der Carso« zu nennen und die französische Übertragung von Luigi Pirandellos »Sechs Personen suchen einen Autor«, durch das Pirandellos Ruhm erst groß geworden ist. Dieses Stück geht äugen« blicklich auch mit dem denkbar größten Erfolg über alle Bühnen Deutschlands und ist auch in Wien gespielt worden. Cremieux schreibt auch die Berichte über italienische Literatur und essayistische Kritiken für die führende französische Monatsschrift »Nouvelle Revue Francaise«, gelegentlich arbeitet er auch an der »Revue de France« und der »Europe Nouvelle« mit. Der Verlag der »Nouvelle Revue Francaise« kündigt neuerdings Cremieux' letztes Werk an, eine Sammlung seiner Essays, die unter dem Titel »XX. Siecle« (Zwanzigstes Jahrhundert) erscheinen wird. In diesem Buche beschäftigt sich Cremieux, Proust ausgenommen, mit den lebenden französischen Autoren, die in der Literatur eine Rolle spielen. Er behandelt Jean Giraudoux, Pierre Hamp, Drieu La Rochelle, Jules Romains, Paul Morand usw., durchwegs Autoren, die erst knapp vor dem Kriege oder sogar erst nach dem Kriege zu schreiben angefangen haben. Er gibt dadurch ein ziemlich vollkommenes Bild der französischen Literatur des letzten Jahrhunderts. Cremieux' Art zu kritisieren ist ebenso antidogmatisch wie antiimpressionistisch. Er stellt sich weder auf einen fest umschriebenen Geschmacksstandpunkt noch auch kritisiert er nach bestimmten ästhetischen Grundsätzen. Er verteidigt diese Art der Kritik mit der Feststellung, daß die Art der Kunstausübung ja mit dem Künstler wechsle und es vor allem darauf ankomme, die innerlichen, seelischen Probleme jedes Schöpfers, dessen Ansprüche an die Kunst und das Maß, in dessen Grenzen er seinen Ansprüchen gerecht geworden ist, festzustellen. Schon diese Art des Kritisierens wird dem Buch das reiche Interesse der Leser sichern, um so mehr als ja der Fall ziemlich selten vorkommt, daß ein Kritiker, von seinem Einfühlungsvermögen ausgehend, den Künstler zu erkennen sucht und nicht umgekehrt nur das sieht und erkennt, was seiner eigenen Denkungsart und psychischen Anlage entspricht. J. K. L 'An ProcBain ä Jerusafem. Roman von Jean et Jeroms Tßaraud, CPfon=Nourrit, Paris.J Die Brüder Goncourt korrigierten sich wechselseitig, als sie ihre Bücher und ihr berühmtes Tagebuch schrieben, das eine kulturgeschichtliche Quelle ersten Ranges dar* stellt, die bis heute noch nicht völlig erschlossen und ausgeschöpft ist. Die Brüder Tharaud, die ihren Ruhm vor vielen Jahren mit dem Roman »Dingley, l'illustre ecrivain« begründet haben, sind ebenso Kulturhistoriker. In einem weiteren Sinne sogar als die Goncourts, aber nicht so erschöpfende Schilderer wie diese. Denn die Goncourts haben sich auf Paris beschränkt, das sie von Jahr zu Jahr besser kennen lernten, während die Tharauds — immer auf Reisen stets andere Länder und andere Sitten schildern. Sie interessieren sich vor allem für Volks« bewegungen, für Ideen, die Massen Wirkung erlangen. So haben sie unter dem Titel »Im Schatten des Kreuzes« einen Roman über Karpathorußland veröffentlicht, in dem sie sich mancher antisemitischen Entgleisung schuldig gemacht haben. Sie korrigieren ihre Ansicht im neuen Roman »Das nächste Jahr in Jerusalem«, der soeben erschienen ist. Die Tharauds sind wunderbare Land« schaftsschilderer. Ihre Sätze sind von einer Prägnanz wie Gesetzesparagraphen. In ihrer Prosa spiegelt sich fehlerlos die Wirklichkeit. Sie sind Realisten. Sie wissen die fanatische Seele eines Menschen in einem wesentlichen Satze festzuhalten. In ihrem neuen Buche analysieren sie jenes psycho« logische Erwachen zum Zionismus, in dem sie eine gleichzeitig schwärmerische und nachdenkliche Bewegung erblicken. Mit ganz scharfer Präzision verfolgen sie die bizarre Geburt, die Fortschritte und die Konsequenzen dieses erstaunlichen »Kreuzzuges«. Eines Kreuzzuges, der von Menschen geführt wird, welche die vorher« gegangenen mißbilligen und verwerfen. Der Charakter des neuen Kreuzzuges ist nicht allein geistig, sondern auch politisch, ethnisch und malerisch. Und die Juden, die den neuen Kreuzzug unternommen haben, sind Kultur« pioniere. J. K. If mare e fa vefa. Von Cfarice Tartufari. CEin römischer GßettoromanJ Verfag Bemporad et figfio Tirenze. Das jüdisch«religiöse Motiv des Judentums in Italien wurde in der italienischen Literatur bisher noch nicht behandelt. Ab und zu haben anderssprachige Schriftsteller sich dieses Stoffes bemächtigt und boten wenn auch spärlichen Einblick in das mittelalterliche Leben und Leiden der Juden Italiens. Das italienische Schrifttum stand diesem Stoffe indifferent gegenüber. Es mag die Ursache darin liegen, daß die Gegensätze zwischen den Juden Italiens und den anderen Bewohnern Italiens, besonders in der Neuzeit, nie derartige Formen angenommen haben, wie in den anderen Ländern Europas. — Der ursprünglich »Synagoge und Kirche« betitelte Roman »II mare e la vela« <Meer und Segel) gibt ein wahrhaftes Bild des derzeitigen im Untergehen begriffenen Judenviertel Roms, seiner Bewohner, seiner katholischen Umgebung, und charakterisiert in geradezu meisterhafter Weise drei jüdische Generationen: Den aus Galizien eingewanderten 337