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Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 336

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 336 (sequence 39)
Language
German
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BUCH, KUNST UND KÜNSTLER des geistigen Judentums diejenige der bloßen nationalen Vitalität vertrat. Von feiner, objektiver Beobachtungsgabe sind die Skizzen und Novellen getragen, welche eine gewisse Vorliebe für die Behandlung schwerer Seelen» Probleme zeigen. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens wohnte Berditschewski, der auch das Doktorat der Philosophie besaß, in Deutschland. Er kehrte schließlich zur Pflege der geistigen Güter des Judentums insoferne zurück, als er unter dem Pseudonym bin Gorion den ganzen jüdischen Sagenschatz in der von seiner Frau untere nommenen deutschen Übersetzung (abgesehen von freien hebräischen Bearbeitungen) in den Sammlungen: »Die Sagen der Juden« und »Der Born Judas« herausgab. E. M. NEUE BÜCHER BesprocBen von Tritz Groß, Josef Haßn und Josef Kafmer. Artßur Scßnitzfer: Träufeiii Efse. Noveffe. Pauf Zsofnay*Verfag, Wien. Das neue Werk Arthur Schnitzlers ist vor allem eine Ehrenrettung der Psychologie. In höherem Maße noch als in seinen früheren Erzählungen und Theaterstücken wird der Mensch, in diesem Fall ein neunzehnjähriges Mädchen, aus seinem Denken vollkommen erklärt. Irgendwie geht von »Leutnant Gustl« zu dieser Er» Zählung ein direkter Weg. Zwar ist das neue Werk kein Denkmonolog ausschließlich, aber der Leser lernt jenes Ereignis, das der Heldin schicksalvoll wird, nur aus ihrem Denken und einigen kurzen Dialogstellen kennen. Der Inhalt ist kurz folgender: Fräulein Else ist in San Martino di Castrozza auf Ferien. Da kommt ein Expreß» brief ihrer Mutter, der Vater, ein Wiener Rechtsanwalt, habe 30.000 Gulden <die Novelle spielt vor dem Kriege) Mündelgelder unterschlagen,- wenn diese nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkte wiederbeschafft seien, verhafte man den Vater. Wegen eines Darlehens in der Höhe des angeführten Betrages möge sich Else an Herrn von Dorsday, der in San Martino Aufenthalt genommen habe, wenden. Dorsday will das Geld zahlen, wenn — Else sich ihm eine Viertelstunde lang nackt zeige. Else, in einem Zustand furchtbarer Erregung, gießt sich ein Glas Wasser ein, in das sie Veronal schüttet, um sich zu vergiften. Vorher aber zieht sie sich nackt aus und will sich allen Leuten im Hotel zeigen. Sie kommt nach langem Suchen ins Musikzimmer, wo sie Herrn Dorsday findet. Else hat sich nackt ausgezogen und hat wie die Monna Vanna nichts als ihren schwarzen Seidenmantel an. Im Musikzimmer entblößt sie sich, um sofort darauf zusammenzusinken. Aus dieser Ohnmacht erwacht sie erst auf ihrem Zimmer, um in einem unbe» wachten Augenblick das Veronal zu nehmen. Der an» wesende Arzt, ihr Vetter, bemerkt das nicht und nun beginnt die unerhörte Schilderung von Elses Veronal» rausch, mit dem die Novelle schließt. Das ist in knappen Worten der Inhalt,- aber wie diese Novelle geschrieben ist, darauf kommt es an. Das Denken von Fräulein Else wird vollkommen un» verhüllt und absolut hemmungslos gezeigt. Keine Sekunde lang ist sich Else über das, was mit ihr vorgeht und was sie tut, im unklaren. Dennoch vollziehen sich ihre Hand» lungen wie die einer Schlafwandelnden. In ihrer Ohnmacht hört, sieht und versteht sie alles, nur ist sie unfähig, selbst zu sprechen. Ich kann mir nicht denken, daß Schnitzler nur einen Ausschnitt aus dem bürgerlichen Heldenleben der Vor» kriegszeit hätte geben wollen. In allen dargestellten Typen tritt ganz klar jene demoralisierte Schiebermentalität zu» tage, die den Charakter der Nachkriegszeit ausmacht. Und es ist ja auch kaum denkbar, daß der Sittenschilderer Schnitzler etwas anderes als einen Ausschnitt aus unserer Zeit hätte geben wollen. J. K. Amofd Zweig: Gescßicßtenßucß, 6.-8. Tausend, 192o. Das zweite Gescßicßtenßucß, 1923, Müncßen, Bei Afbert Langen. Wenn von deutscher Prosa die Rede ist, von der reicheren, dichterischen Prosa, die über jener der Durch» schnittsepik steht, ist immer neben dem Franz Kafkas, der kürzlich gestorben ist, der Name Arnold Zweigs gefallen. Man kann die Qualitäten seiner Feder in einem Satz präzisieren: die Prosa ist dicht, aber dennoch vollkommen schwerlos. Ich kommentiere diesen Satz: Unter dichter Prosa verstehe ich jene, in deren Sätzen das Erzählte wesentlich festgehalten wird, ohne überflüssige Phrasen. Die Schwerlosigkeit aber halte ich für eine Überleistung an stilistischer Kraft. Der Text nämlich liest sich trotz seiner Konzentriertheit fließend,- ich möchte Zweigs Erzählungen mit einem guten Wein vergleichen, der aber nicht schwer ist, sondern süffig. Es gibt nach der Lektüre nicht den geringsten schalen Rest. Die Erzählungen Zweigs erfüllen die Grundforderung der novellistischen Gestaltungsidee: sie sagen das Ende nicht aus, sie geben Ausschnitte aus dem Leben, der Leser kann sich Fortsetzungen ausspinnen, er kann sich Romane dazudenken. J. K. E>dmond Tfeg, der den Lesern unserer Zeitschrift als Dichter bereits vorgestellt wurde, hat im pariser Verlage G. Cres 'S) Cie. seine zweibändige Hauptarbeit, die «Antho» logie Juive Des Origines A Nos Jours«, in einem Band auf das Wesentliche zusammengezogen, neu heraus* gegeben. Diese gekürzte Ausgabe ist vor allem für die Jugend zusammengestellt worden, in ihr sind die philo» sophischen, politischen und kritischen Abschnitte zugunsten der literarischen, moralischen, sozialen und religiösen vernachlässigt worden. Der Großrabbiner von Frankreich Israel Levi und Rabbiner Weill haben die Übersetzungen aus dem Hebrä» ischen und Jiddischen ausgewählt, die dem synagogalen Geist am meisten entsprechen. Das Buch gliedert sich in folgende Teile: Bißfiscße Epoche mit den Abschnitten »Israel in der Menschheit«, »Gott«, »Die Thorah« und »Leben in Israel«,- Heffe** nistiscße Epocße mit den Abschnitten »Geschichte und Legende«, »Religiöses und moralisches Leben« und »Kult und Gebet«,- Tafmudiscße Epocße mit den Abschnitten »Das Leben der Weisen«, »Sentenzen und Maximen« und »Die beiden Aspekte der Tradition« <Halacha und Haggada),- Raßßiniscße Epocße mit den Abschnitten »Dichtung« und »Tradition und Leben« und schließlich die Moderne Epocße mit den Kapiteln vom konser» vierenden Judaismus, dem Zionismus und dem reformierten Judaismus und dem Kapitel vom jüdischen Leben in der jüdischen Literatur der Gegenwart mit zahlreichen Text» beispielen aus französischen, hebräischen, jiddischen, deut» sehen und englischen Schriftstellern. Mit unglaublichem Geschick hat Fleg die essentiellen Stellen jedes Textes zu wählen gewußt und sich so das Verdienst erworben, dem Leser die Möglichkeit gegeben zu haben, ohne Anstrengung die entscheidenden Leistungen des Judentums kennen zu lernen. J. K. „La Revue Juive" heißt eine Zeitschrift, die der Verlag der »Nouvelle Revue Franchise« als Zweimonats» schrift mit dem Erscheinungstermin 1. Jänner 1925 ankündigt. Als Herausgeber zeichnet Albert Cohen,- das Redaktions» komitee der Zeitschrift bilden die Herren Prof. Georg 336

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