Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 329 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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IGNAZ MOSCHELES nicht vollendet, wenn man ihn nur als Komponisten sehen wollte,- er will noch als ein Drittes gesehen werden: als Mensch. Moscheies, der Mensch, bedeutet für die Musikgeschichte vielleicht noch mehr, als Moscheies der Virtuose oder Komponist. Ich will nicht sein inniges Verhältnis zu Mendelssohn erwähnen, nicht die Hilfe, die er Mendelssohn in London zuteil werden ließ: Mendelssohn hat seine Schuld später wettgemacht durch die Berufung Moscheies nach Leipzig. Ich will auch nicht sein Verhältnis zu Weber und seine Bedeutung für Grieg besonders beleuchten, sondern nur sein größtes Verhältnis und seine größte Tat: Beethoven. Es ist etwas Eigenartiges um die Rolle des Juden als Mensch. Ich unterlasse es, in die anderen Gebiete zu schweifen, sonst müßte eine Abhandlung für sich geschrieben werden. Ich will nur als starkes illustratives Beispiel, bevor ich die Verdienste Moscheies um Beethoven beleuchte, den TaCf Wagner und die Juden erwähnen. Es gibt kaum einen zweiten Fall, bei dem ein Musiker seine ganze menschliche Existenz den Juden verdankt, wie bei Wagner. Es gibt allerdings auch kaum einen zweiten Fall, der derart mit Undank belohnt worden ist. Durch die nahezu vollkommene Dokumentensammlung, die Julius Kapp zusammengestellt hat <der nicht nur über Meyerbeer, sondern auch über Wagner ein sachliches Buch schrieb), sind wir heute in der Lage zu beurteilen, was Wagner Meyerbeer verdankt: menscßficb affes. Ohne Meyerbeer wäre Wagner in Paris einfach zugrundegegangen. Aber nicht nur das: ohne ihn wäre Wagner mit seinen frühen Werken niemals angekommen. Es ist einfach unmöglich, den immer hilfsbereiten Meyerbeer aus der Frühzeit Wagners wegzudenken. Wagner versicherte ihm noch »Dank in der Hölle«, soweit er Meyerbeer für weitere Zwedte benötigte,-als er ihn ausgebraucht hatte, warf er ihn fort wie eine ausgepreßte Schale und bespie ihn. Der Mensch Meyerbeer blieb derselbe. Vorher half er — nun hüllte er sich in Schweigen. Die Veröffentlichung eines einzigen Briefes von Wagner hätte ihn rehabilitiert,- er tat es nicht. Der »Geschäftsmacher« Meyerbeer blieb dem »Ethiker« Wagner überlegen: als Mensch. Der Fall „Meyerßeer- Wagner" ist ein Kapitel für sich. Ich erwähne ihn hier nur als Beispiel. Von einer ähnlich starken Hilfsbereitschaft war auch Moscheies. Nur mit dem Unterschied, daß er bei Mendelssöhn höchsten Dank erntete und bei Beethoven hohe Achtung genoß. Gerade hierin erweist sich die Unvergleichbarkeit der Menschen Beethoven und Wagner. So sehr Beethoven über alles hin wegstürmte,- wem erDank schuldete oder wem er sich verbunden sah, dem verband er sich selbst gewissenhaft. Übertriebene Gewissenhaftigkeit war es auch, die ihn glauben ließ, er besitze nichts mehr,- denn in Wirklichkeit besaß er noch 9000 Gulden aus Honoraren, als er einen verzweifelten Notschrei an Moscheies nach London schickte. Die 9000 Gulden sah Beethoven nicht mehr als seinen Besitz an, weil er sie seinem — übrigens undankbaren — Neffen zugedacht hatte. Moscheies hatte schon früher eine Einladung an Beethoven bei der londoner Philharmonischen Ge- Seilschaft veranlaßt. Diese hatte er bereits wegen seines Neffen zurückgewiesen. Nun kam Beethoven durch denselben Neffen noch in Schwierigkeiten, so daß es sich nicht ausdenken läßt, was geschehen wäre, wenn Moscheies nicht sofort eine Unterstützung bei der Philharmonischen Gesellschaft erwirkt hätte. Sie war dem an Wassersucht leidenden Beethoven wie ein Lichtstrahl in der Verzweiflung. Gewiß hatte Beethoven das Hungergespenst nur als Fiktion gesehen,- aber glaubt Jemand, daß er darum weniger an ihm litt? Mürb und müde, wie er durch seine Krankheit war, nahm er alles dreifach schwer. So die Verantwortung gegenüber seinem Neffen und so erst recht die Angst vor dem Verhungern. Moscheies aber hat das Verdienst, dem kranken Beethoven einige Lasten seiner letzten Jahre erleichtert zu haben. Wozu der Lärm? wird mancher fragen. War es nicht Moscheies7 Pflicht dem Größeren gegenüber? Was hat das mit dem Musiker Moscheies zu tun? Gewiß war es Moscheies7 Pflicht dem Größeren gegenüber. Aber hätte Jeder diese Pflicht ohne weiteres erfüllt? Gehört dazu nicht in allererster Linie das Gefühl des Menschtums? Gehört dazu nicht in allererster Linie die Bereitschaft zur Hilfe? Das was mir an Moscheies so spezifisch jüdisch erscheint, das ist die fortgesetzte Bereitschaft zur 329