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Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 330

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 330 (sequence 33)
Language
German
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LOUIS LOZOWICK Hilfe. Jeder Mensch hilft einmal dem anderen Menschen,- aber wieviele Mensdien sind dauernd zu Opfern bereit? Moscheies war einer der wenigen ewig helfenden Menschen, bei denen keine Not ungehört verhallt und keine Bitte unerfüllt bleibt. Das ist — vom Grad her betrachtet — genau so jüdisch wie sein Virtuosentum; wiewohl beides zugleich allgemein menschlich ist. Und was es mit dem Musiker Moscheies zu tun hat? Vielleicht mehr, als man, oberflächlich gesehen, glaubt. Alle große Musik fängt zuerst an bei dem Menschen. Die Musik ohne Ethos: das ist die Musik, die in Wagner ihren Gipfelpunkt gefunden hat. Gewiß hatte Wagner ein »Ethos«, aber er glaubte an ein Ethos ohne den Menschen: darum ist sie im Grunde ethoslos. Alle große Kunst hat nicht nur schön zu sein, sondern vor allen Dingen wahr. Schönheit ist nur das sinnliche Gewand der Wahrheit,- wo sie für sich steht, ist Lüge. Weil die Musik in affererster Linie von der Wahrheit des ewigen Wesens spricht, darum kommt es so sehr auf den ivaßrhaftigen Menschen an. Ob Komponist oder Virtuose: die Entscheidung dieser Frage ist nicht so wichtig, wie: ob Wahrheit oder Lüge. Der wahre Mensch aber, das ist immer zugleich auch: der gute Mensch. LOUIS O Z O W I C K VON JOHN M. GARFIELD Immer mehr ringt sich in der Kunstbetrachtung die Anschauung durch, man müsse die Kunst nicht, von rein formalen Problemen allein ausgehend, kritisieren, vielmehr ihre biologischen Zusammenhänge mit der Zeitkultur und ihren Disziplinen aufdecken. So gelten für das Betrachten eines Aktbildes nicht nur die Gesetze der technischen Mittel und des Materials sowie das der Anatomie, sondern sogar die Spezialnormen der Ästhetik jenes Landes, in dem das Kunstwerk entstanden ist. Diese Normen, aus den sozialen Bedingungen des betreffenden Entstehungslandes gebildet, divergieren sehr stark, da sie ja mit seiner ganzen Natur und Kultur zusammenhängen. Für die römische Landschaft stehen klarerweise andere Gesetze in Geltung als für die Landschaft eines Industriebezirkes, in dem ein Baum eine Seltenheit, eine Blume schon das Sinnbild idyllischen Lebens bedeutet. Ist nun Malerei im allgemeinen, Landschaftsmalerei im besonderen eine für den Schaffenden notwendige Ausdrucksart, ja bei dem denkenden Künstler mehr als das, nämlich der Ausdruck einer metaphysischen Relation zur Natur, so wird es verständlich, daß ein Künstler, dessen Umgebung amerikanische Groß- und Industriestadt ist, seinen Bildern notwendigerweise anderes Format und anderen Inhalt geben wird als ein beliebiger europäischer Landschafter. Denn die Wirkungen der Atmosphäre, die Konstruktion von Berg und Baum, das Spiel von Licht und Schatten — sie alle sind in der von Menschenhand geschaffenen Landschaft anders als in der natürlich gegebenen. So gewähren denn die Städtebilder des Amerikaners Louis Lozowick <formal gewürdigt) den Aspekt von ineinander komponierten Grundformen, doch sind diese kubischen, konischen und zylindrischen Gestaltungen keine Erfindung eines mathematisch funktionierenden Gehirnes,- die in den Bildern Lozowidts geisternde Geometrie ist eher zu realistisch, so gut gelingt es dem Maler, die Wirkung amerikanischer Zentren als gewissermaßen ahstrakten Wert herauszukonstruieren. Diesen Konstruktionen, deren statische Ausgleichung und Abstimmung restlos durchgeführt ist, hat der Maler Lozowick futuristische Bilder vorangehen lassen. Die Entwicklung scheint mir dann sehr logisch gewesen zu sein. Das primär Auffällige an amerikanischer Industrie und ihren Stätten ist ja wohl kaum die schwere statische Masse, sondern die Bewegung, der Rhythmus, von dem die Arbeit getrieben wird. Der adäquate Ausdruck für Bewegung war in der modernen Malerei der Futurismus, wie ihn die Italiener geschaffen haben, also hat der Anfänger Lozowick, nachdem er als ersten Eindruck den der Bewegung empfangen hatte, futuristisch gemalt. Da die Bewegung, die dynamischen Momente aber stets erst in zweiter Linie kommen, mußte sidi Lozowick auf das Ursprüngliche, von dem die Bewegung ausging, besinnen, und das war die im Realen statisch ausgegfichene Masse, das Blockhafte der ungeheueren amerikanischen Städte, welche die Architektur als Plastik verkörpern. Diese Architektur, die fast nur aus Ingenieurbauten besteht, abstrahierte Lozowick auf das Flächige,- er machte eine Art Röntgenaufnahme von der Architekturmasse,- so entstanden dann seine Bildkonstruktionen. 330

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