Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 327 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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TGNAZ MOSCHELES scheinung, er erlöst sie aus ihrer Abstraktion zur Anschauung, er macht sie, mit einem Wort, immer konkret. Das ist eine gewaltige Sendung. Es ist vielleicht die größte Aufgabe, die einem Künstler gestellt werden kann. Statuen, die vor Jahrtausenden geschaffen wurden, sind beute noch konfiret, Musik kann immer nur konkret werden durch den konkreten Menschen. Denn sie ist keine Raumkunst, sondern eine Zeitkunst, die nur durch den Menschen in den Raum treten kann — um sich mit ihm auch wieder zu verflüchten. So gesehen, gewinnt der Virtuose ein anderes Gesicht. Er ist nicht der Blender, sondern der Schöpfer der Musik, denn ohne ihn bliebe sie ewig unerschajfen, wenn auch nicht ungeschaffen. Weit entfernt davon, den Virtuosen über den produktiven Musiker zu stellen, muß ich doch behaupten, daß der Virtuose der wichtigere Mensch ist. Diese etwas absurd klingende Behauptung wird sofort klar werden, wenn wir beachten, wie der Typus des Virtuosen entstanden ist. Die primitive, die orien^ talische und die altitalienische Musik ist nicht von dem Einen komponiert und vom Anderen reproduziert: vielmehr sind hier Komponist und Virtuose eins,- das heißt, es gibt hier melodische Keime, die in immer neuen Weisen auf neue Art wiedergeschöpft werden. Die Musik des Orientafen ist nicht evofutiv — wie die ahendfändische — sondern emanativ. Der Spielmann bringt die uralten melodischen Keime zu immer neuer Entfaltung. Darin besteht sein »Schöpfertum«, und insofern ist er zugleich Schöpfer und »Virtuose«. Das Gleiche finden wir bei den alten Italienern, von denen die Gestalt des Virtuosen im heutigen Sinne ausgeht. Wenn man die verschiedensten italienischen Kompo^ sitionen des XVI. und XVII. Jahrhunderts durchspielt, so hat man immer den Eindruck, als ob Einer den Anderen bestohlen habe. In Wirkfichkeit handeft es sich aher nur um die Emanation mefodischer Keime, die damafs fehendig waren und darum hei Jedem ähnfich erscheinen. Und jene alten Italiener haben ihre Kompositionen alle selbst ge* spielt, nur der Unterschied der Kompositions/^///^ macht den Abstand zwischen dem Orientalen und ihnen aus. II War Ignaz Moscheies also ein unschöpferischer Musiker, wenn wir von seinen Kompositionen heute weniger sprechen, als von seinen hervor^ ragenden Passagen und gebrochenen Akkorden, wenn wir die Fertigkeit seiner linken Hand mehr bewundern, als seine Etüden? Diese Frage dürfte sich nun von selbst erledigen. Etüden hat Moschefes komponiert afs Lehrer; aher er war in erster Linie Virtuose. Es war nicht seine Aufgahe, Musik zur Aufzeichnung, es tvar seine Aufgahe, Musik zur Erscheinung zu hringen. Und das ist nicht die geringste der Aufgaben, sondern die schwerste. Gewiß ist das Klavierspiel eine Technik, das Komponieren eine Produktion, aber ist der technische Klavierspieler ohne weiteres ein Virtuose und der produzierende Komponist ohne weiteres ein Schöpfer? Mir scheint, das Verhältnis ist durchaus reziprok. Beides gibt es bei Beiden. Wenn ich hier insbesondere für den Virtuosen eintrete, so tue ich es nicht auf Kosten des Komponisten. Es gilt nur den reproduzierenden Musiker vor dem allgemeinen Vorurteil in Schutz zu nehmen — der produzierende bedarf es — leider! — nicht! Hier erledigt sich von selbst die zum Eingang erhobene Frage, woher es komme, daß die Juden nur wenig »produktive« Musiker hervorgebracht haben im Vergleich zu den kaum zählbaren Virtuosen. DerVirtuose ist zunächst keine unschöpferische Erscheinung, mit ihm steht und fällt vielmehr die Musik. <Das große Orchester ist ja nur eine große Reihe mechanisierter Virtuosen.) Wichtiger ist hier jedoch, daß diese Tatsache zu dem „ Orientafis* mus " des Juden zähft, weif er, wie der Orientafe, ß&ej^ VßSdtuCö, 0^ >~ ic&^ *^U«**<!5- HANDSCHRIFTLICHE NOTENNOTIZ VON J. MOSCHELES 327