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Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 326

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 326 (sequence 29)
Language
German
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IGNAZ MOSCHELES DER JUDE ALS VIRTUOSE VON HEINRICH BERL C. O. PERGER <i859> I. MOSCHELES I Ignaz Moschefes steht als einer der Ersten in jener großen Reihe der jüdischen Virtuosen, die in Anton Rubinstein ihren bedeutendsten älteren und in Alfred Grünfeld ihren bedeutendsten neueren Namen aufzuweisen hat. Wie Rubinstein hat auch Moscheies Kompositionen hinterlassen, die zum Teil heute noch bedeutsam sind,- doch wird man bei Mosdieles mehr als bei Rubinstein in erster Linie von dem Virtuosen sprechen müssen, trotz seiner sieben Klavierkonzerte <unter denen das G=Moll heute noch gespielt wird) und trotz einiger Kammermusiken, die zu ihrer Zeit sehr viel Beifall fanden. Moscßefes ist der Typus des Virtuosen von GeBfüt. Und wenn er auch als Siebenund^ zwanzigjähriger sich bereits von seinen Konzertreisen in London als Musiklehrer zurückzog, so ist er doch Virtuose geblieben. Selbst der Zweiundfünfzig^ jährige, der von Mendelssohn an das Konservatorium nach Leipzig berufen wurde, war in erster Linie geschätzt als Repräsentant der Clementi-Cramerschen Schule — als Virtuose. Der Fall ist typisch. Der Jude als Virtuose: hören wir nicht immer und überall, der Jude sei »nur« Virtuose, er sei kein schöpferischer Musiker? Woher kommt die zweifellos richtige Tatsache, daß die Juden nur wenig »produktive« Musiker hervorgebracht haben im Vergleich zu den kaum zählbaren Virtuosen? Was ist das überhaupt, ein Virtuose? Ist er lediglich ein kalter, herzlos nachspielender technischer Könner, der nach Effekten hascht und ein wahres ßlendfeuer von Raketen entfacht, bloß um — Beifall zu finden? Ist er ein Jongleur oder ein Künstler, ein Seiltänzer oder ein Schöpfer, ein eitler Wicht oder — eine singende Seele? Das sind Fragen, die ich mir schon seit Jahren fast unablässig stelle. So oft ich sie aber stellte, kam ich zu dem Ergebnis, daß der Virtuose durchaus schöpferisch sei. Ganz gewiß gibt es unschöpferische Virtuosen, Macher, Blender, aber nicht jeder Vhtuose ist darum unschöpferisch. Man vergesse nicht, daß alle Musik mit dem Reproduzierenden steht und fällt. Eine Statue steht fest, wenn sie gemeißelt ist, ein Bild bleibt sichtbar, wenn es gemalt ist, die Kunst des Bildes bedarf keines anderen, um erlebbar zu werden, sie kann von jedem so erlebt werden, wie sie von ihrem Schöpfer entlassen wurde. Aber die Musik? Bleibt sie nicht tot in das Notenbild gebannt, wenn ihr nicht der Künstler ersteht, der sie zum Erklingen bringt? Muß Musik nicht immer wieder aufs neue zur Erscheinung gebracht werden, verflüchtigt sich nicht ihre Erscheinung in dem Augenblick, in dem der letzte Ton verklang? Was nützt selbst dem »Kenner« alles Partituren^ Lesen? Das Notenbild mag in ihm lebendig werden, die Musik selbst kann auch er nur vernehmen, wenn sie erklingt. Musik kann nicht aßstrakt aufgenommen werden: sie muß, wie äffe Kunst, konkret anschaufich, sinnficB gemacht werden. Das gilt für den »Kenner« und erst recht für den »Laien«, der — Gott sei Dank! keine Noten lesen kann. Hier ist aber der Punkt, wo der reproduktive Musiker schöpferisch wird — im Virtuosen. Der Virtuose bringt die Musik immer wieder zur Er<= 326

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