Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 325 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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BECALEL, DER ZÖLLNER DER RUSSISCHEN LANDE liehen Gerüchte wahr seien und bat im Namen »der Herren Räte, der Stadtversammlung und des Vierzigerausschusses« um Rat und Hilfe. In der Antwort auf diese Mitteilung drückt der warschauer Magistrat seinen Schmerz darüber aus, »daß es in Polen schon so weit gekommen sei, daß die königlichen Zölle ein Jude gepachtet habe, der die lemberger Kaufleute auf den Stationen rupfe. In Warschau geschähen solche Dinge nicht, weil man ihnen beizeiten zu begegnen wisse« (\6go). Gleichermaßen danken Bürgermeister und Räte Posens für so fürchterliche Mitteilung vom Juden als ruthenischem Zöllner und versprechen Hilfe, sowie daß sie am entsprechenden Orte Vorstellungen erheben würden. <Posen, am 13. August 1690.) So kochte es auf der ganzen Rus und sogar in den anderen Ländern des Staates, und Becal — im Vertrauen auf die Protektion des Königs und seine Geldansprüche an den Staatsschatz — saß weiter »in seiner Residenz auf der lemberger Kammer« und nahm Rechnungen in Empfang und Gelder. Aber hinter ihm ballten sich die Wolken und schnell sollte ein schrecklicher Blitz in sein »ungläubiges« Haupt schlagen. Auf der Städteversammlung des Jahres 1693 berührten die Gesandten seine Angelegenheit und warfen ihm vor, daß er den Staatsschatz bestehle und die christliche Religion verhöhne, indem er jenes Kreuz in seiner Stube unter der Bank halte. Einer von den Gesandten erzählte sogar zur Aufstachelung der anderen, daß Becal auf die Frage, warum er denn so mit dem Kruzifix herumwürfe, zur Antwort gegeben habe, »es wäre nicht mehr wert«. Eine Spezialkommission wurde ernannt, um die ganze Angelegenheit zu untersuchen, aber diese Versammlung löste sich auf wie viele andere und Becals Sache wurde vergessen. Herrschte er auch weiterhin über die ruthenischen Zölle? War er in Freiheit? War er im Gefängnis? All diese Fragen sind schwer zu beantworten, weil die entsprechenden Archivdaten fehlen. Noch im Jahre 1699 beschließt der ruthenische Adel auf seiner Versammlung in S^dowa Wisznia, die StadtSamßor zur Verantwortung zu ziehen, da sie »schuld sei daran, daß Becal aus dem Gefängnis gegangen sei«. Tatsächlich aber — wiewohl man um seine Haut feilschte — ruhte Becal schon seit einigen Jahren auf dem jüdischen Friedhof in Zölkiew. Dort — inmitten anderer Grabschriften — können wir auch diese bescheidene lesen: »Hier ruht der reiche Herr und Besitzer, der Zöffner Becafef, der Sohn des Herrn Nathan. Durch sein ganzes Leben unterstützte er die Thora- Studierenden. Er starb am Montag, dem Tage des 19. Tischri 5457 <t69Ö>. Möge seine Seele teilhaben am ewigen Leben. Amen.« Becal hinterließ einen Sohn, Nathan, der keine solche Rolle mehr spielte wie der Vater, vielmehr ein bescheidener Bürger der jüdischen Gemeinde in Zölkiew war und im Schöße seiner Familie die Tradition nach seinem großen Vater pflegte. Ober diesen Vater aber erzählte sich die Welt auch weiterhin ungereimte Dinge. Zahlreiche lateinische und polnische Satiren über ihn gingen von Hand zu Hand, bis sie über die Grenze gelangten. Eine von diesen Satiren, besser noch ein Pasquill, druckte Tenzef in seinen »Monatliche Unterredungen« nach und dann Hossmann in seinem »Judenherz«. Hossmann als Quelle benützend, druckte es ScBudt in seinen berühmten »Jüdische Merkwürdigkeiten«. <Frankfurt am Main, 1714.) Hier der Beginn des Pasquills: »Bezalis atque Dei, dum jure Polonia causam discernit, coelum flet, terra dolore fitscit, contemptusque Dei sensum ipsa elementa revelant,frigora solvuntur pluviis,glaciesque liquescit. . .« Nach dieser erhabenen Einleitung erzählt der Autor von den schrecklichen Verbrechen Becals und seinem angenehmen Einfluß auf die Bevölkerung, und er schließt mit einem Fluche, der in zeitgenössischer deutscher Übertragung also lautet: »Und wie dem Judas hat sein Werk nicht mehr genützet, Als daß er sich erhing, so auch der Himmel blitzet, Auf dieses Richtervolk, der Höllenfluch sie sucht, Wenn Bezals Gold sie nicht, wie den Verräter würgt, So wird im Tode doch sie legen auf die Bahre Und ins Verderben ziehen! Geschenk! Verfluchte Ware! Zum Galgen geh, du Jud! Ein Christ vor Gott sich fürcht.« 325