Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 318 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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SALOMONS RING GEORG MERKEL LIEBESPAAR Er stand lange an dem Fleck, wo sie ihn gelassen hatten, und vom Himmel, der ihn verstoßen hatte, sah er zur Erde, die ihm grausam war, sah hinter sich die geübten Lanzen seiner Soldaten gegen seinen Leib gerichtet und vor sich das fremde, harte, ungeliebte Land Phöniziens. So schleppte der König seinen verschwärten Körper, den Abscheu der Augen, in einen dichten Wald, fort von der Straße, an deren Ränder Ackernde die Sonne nach dem Regen lobten und bestaubten Kaufleuten den Wasserkrug reichten, fiel auf sein Angesicht, der Einsame, und demütigte sich vor dem Herrn, der seiner Jugend so gnädig gewesen war, bekannte, gebeugt über seine Seele, all seine Unvollkommenheit und Härte und Nachlässigkeit bis auf diese Stunde, bereute innig und erharrte entzaubernde Vergebung, eh daß der Hunger ihn zwänge, den Königssohn und König, hervorzutreten aus seinem Versteck zu den Führern der großen Karawanen oder den Herren der Rinder^ und Schafherden und seine Lippen zu lösen, für die Worte, wie sie dem Bittsteller gzziemen. So verging ein Tag, eine Nacht, dreimal. Im vierten Morgen war aber sein Hunger so groß, daß er seiner Scham vergaß und hinaus auf die Straße kroch und die Spuren der Kamelhufe verfolgte, bis er in einem Graben niedersank, der noch feucht war vom Abfluß der letzten Regengüsse. Wie es nun Abend wurde, da kam über die Straße von Israel her ein Mann mit gutem Gewand und Oberkleid, der führte eine Eselin am Seil, beladen mit Flachs zu beiden Seiten des Gurtes. Ihn trat Salomon an und sprach: »Sieh mich an, Du Gelassener, und hüte Dich meiner zu spotten. Denn ich bin ein König und meine Macht war groß. Der harte Gott Israels — Gelobt sei sein Name — hat mich gerecht gestraft für vielfaches Verschulden mit schmerzhafter Krankheit und Verrat meines unverständigen Volkes. Schenke 318