Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 316

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 316 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133285--385-3133692
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SALOMONS RING Asmodei sidi in das königliche Zelt und zog von des Schläfers Finger den Ring, den roten Ring von Gibeon mit den vier Buchstaben des heiligen Gottesnamens. Und nahm kraft seines Zaubers die herrliche Gestalt des jungen Königs an für seine, fluchte diesem während er noch schlief, so daß er aussätzig wurde und sich vom Kopf bis zur Sohle mit eklem Geschwür bedeckte, ein Abscheu zum Ansehen. Asmodei aber ging in den Palast von Marmor undEdelholz und setzte sich in der Sommerlaube auf König Davids Thron. Als mit dem ersten Schimmer der Frühe Salomon unter dem Zeltdach erwachte, fühlte er durchbrannt von Schmerzen und zum Hinsterben elend die Glieder seines Körpers, deren gewaltiger Kraft er noch wenige Stunden zuvor froh geworden war, und unermeßlich war sein Grauen, als seine Augen die berstenden Schwären an seinen Händen sahen und seine Hände den triefenden Eiter an seinen Augen befühlten. Die Dirne erwachte vor dem Schrei seines Entsetzens und als sie so nahe neben sich den scheußlich verwandelten König erblickte, stieß sie, was sie wenige Stunden zuvor als liebenden Gebieter mit Entzücken an sich gepreßt hatte, ekelgeschüttelt von sich ab und schrie nach der Dienerschaft, während am Boden hinkriechend Salomon vergeblich nach seinem Ring suchte, die Zauberei zu bannen. Mägde stürzten, Verschnittene, mit lauten Rufen ins Zelt, und holten, als sie die fremde Gestalt erblidtten, die Wachen, denen das Mädchen zurief: »Dieser stinkende Unrat hat es gewagt, mein Lager zu beflecken, wo ich doch, wie Ihr wißt, des Königs bin. Es soll ihm sein Recht gesprochen werden!« Die Schwüre Salomonis, daß er selbst es sei, vor dessen Richterstuhl zu führen sie bitter gereuen würde, straften die harten Männer mit Lachen anfangs, dann mit Drohungen und Püffen, die seine Seele härter schlugen als seinen Leib, denn er war es nicht gewohnt, die Haut anderer Menschen der seinen so nahe zu fühlen, noch über seinem Antlitz den Mundhauch eines Untergebenen. Er schwo^ während auf dem Wege durch die königlichen Gemächer, getragen von zu schwachen Beinen, das Gerüst des Oberleibes immer mehr nach vorne fiel, den Ungehorsamen, die ihren König nur in seinem Glanz erkennen wollten, die grausamsten Strafen seines seltenen Zornes zu und schritt, sich mühevoll aus dem innersten Willen seiner Seele aufreißend über die Marmorstufen in die Sommerlaube, wo er alltäglich die Weisen und Ältesten des Landes zu hohem Rate versammelt hielt. Da erst, jenseits der letzten Türe, — und die Sonne war voll aufgegangen und schien breit und ohne Gnade in das weite Gemach — da erst erstarb das große Herz des Königs im Krampf völliger Verstoßenheit, denn vor ihm, auf dem Throne Davids, saß sein Ebenbild von gestern, saß blühend von der Erde Herrlichkeit Salomons Antlitz und Freudengestalt und Blick voll königlicher Größe, Haltung, die weiß um unstürzbare Macht und Kronmantel von phönizischem Purpur, durch webt mit Goldfäden und bestickt mit heiliger Inschrift. Herrscher über das Volk von Frevlern und Gerechten, über die Pflüge der Feiernden und Waffen der Krieger, Herrscher und Sprecher über den gebeugten Rücken der Weisen und Ältesten, Priester und Feldherrn, die Deines Richterspruches harren, ein Aus^ sätziger steht, lehnt am Pfosten Deiner Türe, betrogen um sein Königreich und den Leib, den seine Seele sich zu ihrem Tempel schuf und er hört über sich, wie Einer ihn anklagt: »Er hat das Lager der persischen Dirne beschmutzt, die Dein ist, mein König. Überdies lästert er Deinen Namen, denn er spricht: ,kh selbst bin Salomon7.« Da lachten für den Wahnsinn des Triefäugigen Alle im Saal, verstummten aber sogleich, denn im hohen Stuhl der König blickte ernsthaft und furchtbar. Aber Salomon der Aussätzige, den Keiner erkannte, trat vor bis an die Stufen, die glatt poliert waren von den Knien der Bittsteller und Gnadenfleher, warf in knirschendem Gelenk die Faust bis vor das Antlitz des Richters im Purpur und rief: »Gott weiß und wird mein Zeuge sein, daß mein Wort wahr ist. Schwer mag ich gesündigt haben, daß er mich mit solcher Schärfe bestraft und mir meine königliche Gestalt genommen und sie um diesen Popanz geworfen hat. Ihr aber teilt nicht den schwarzen Zauber des Verführers und beugt Euch nicht vor Königsgewändern und geborgten Zügen. Denn ich bin Euer König und dieser Thron ist der meines Vaters.« Da schrien es Alle laut und stießen Einer den Andern, daß sie den Schreier ergreifen und ihm den Mund verhalten sollten. »Duldet nicht, das Einer unseren herrlichen König lästert. Er soll sein Recht finden.« Da stand über der vornehmsten Stufe, den Scheitel ragend fast bis an die Wölbung der Decke, Asmodei, der Dämon, den Alle für den König hielten, und sprach zu der Versammlung die Worte, die sie zu often Malen von Salomon gehört hatten: »Ihr weisen Männer, vielerprobte Räte meines Vaters und meines guten, jungen Willens Zuversicht! Helft mit der Schärfe Eures Geistes dem meinen, daß wir gemeinsam dieses Mannes Schuld erkennen und ihm das richtige Maß seiner Strafe zuteilen. Seid meinem Menschenurteil doppelte Mauer, daß es nicht entweiche in falsche Milde oder falschen Zorn, sondern gerade gerichtet bleibe auf meines endlichen Lebens größeres Ziel: Israels Herrlichkeit 316

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.