Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 9 (September 1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 313 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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SALOMONS RING VON GINA KAUS Als noch David, obwohl vor hohem Alter frierend und gebrechlich, als König über Israel regierte, ging in einer Frühe sein Sohn Salomon zwei Stunden Wegs von Jerusalem nach Gibeon, der vornehmsten Höhe im Umkreis, weil dort, am Fuße höher sich stemmender Gebirgszüge, um diese Zeit die heilige Lade ruhte unter der Hütte des Bundes, auf unbehauenem Stein. Die Wanderung hatte ihn kaum ermüdet, obwohl er zum Brandopfer zwei Farren, zwei Böcklein und das fehlerloseste Fohlen seiner Herde vor sich hergetrieben, dazu im Arm viel Räucherwerk getragen hatte, eine Kanne duftenden Öles und das breite Messer zum Schlagen des Viehs. Nachdem er alle Pflichten aufmerksam verübt hatte, Gebet und Opfer verrichtet, die Pfanne versehen, die Tücher gebreitet und die Brote aufgestellt, versank er vor der Flamme, die nie ausgeht in den überwachen Schlaf einer besonderen Andacht, in der er der geneigten Willfährigkeit, der er sich angenähert fühlte, den vorherrschenden Wunsch seines Herzens zur Gnade brachte: ihn mit hoher Weisheit zu beschenken, wenn ihm bestimmt sei, den Vater in seiner Herrsdiaft über das Reich abzulösen. Als er dann aus einer stürzenden Helle, in der ihm auch der Rest des flehend Bewußten geschwunden war, erwachte, nützte er die seltene Sonne des Oktobermorgens, die Mandelbäume und Zedern entlang bis an die Schroffen des Gebirges zu schreiten, wohin selten der Fuß des Wanderers kommt, weil wilde Tiere aus unsichtbaren Höhlen brechen und die großen geräuschlosen Vögel die lebendige Beute des Waldes in unerbittlichem Schnabel zu ihren braunen Nestern tragen. Wie er sich dort, im Schatten des letzten Waldbaumes, aufwärtsschauend zum glühend zerbröckelnden Gipfel, müßig verträumte, blitzte ihm aus zackigem Geröll ein winziges Ding in die Augen, rötlich und Gold,- in seinen Händen war es ein Ring, schmaler, goldener Reif um einen bräunlichen Karneol, in den röter noch funkelnd die vier Buchstaben des heiligen Gottesnamens eingegraben waren. Als er noch, verwundert über den Fund dieser einsamsten Gegend, um seinen Finger den Ring drehte und wand, hörte er über seiner Schulter eine seltsame Stimme, und aufschauend erschrak er, daß auf der schattenden Zeder unterstem Ast, der Falke, der Vogel der Frühe, den Schnabel auftat und zu ihm sprach: »Salomon, Sohn der Bathseba, erwählter Erbe des Reichs, säume nicht länger in den Gebirgen Gibeons. Denn Dein Halbbruder Adonia, des Kebsweibs Sohn, nützt Dein Fernsein, den Dir geschworenen Thron zu besteigen, und David ist alt und sieht es nicht.« Aber fürs erste vergaß der Jüngling die üble Botschaft vor übergroßer Entzückung, denn er vermeinte seinen Wunsch erfüllt, weil ihm durch seinen Fund die Kenntnis der Tiersprache sowie ferne geschehender und künftiger Dinge gegeben war. Und erst nach manchem Dankgebet wandte sich der Herr des Rings und eilte den mittagheißen Weg zurück zur bunten Stadt, die wimpelte und flaggte und lärmend war von tausend Volk, das aus allen Häusern gelaufen GEORG MERKEL AKTSTUDIE 313