Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 312

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 312 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133285--381-3133688
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

GEORG MERKEL sagen: der Rahmen ist der selbstverständliche Abschluß des Bildes. Die Werke Merkels sind — ich will einen technischen Ausdruck gebrauchen — vollkommen austariert. Wie ist er dazugekommen, der vollendete Maler der wiener Moderne zu werden? Georg Merkel, der in Polen geboren worden ist, dürfte zwei- oder dreiundvierzig Jahre alt sein. Nach Absolvierung der Akademie, die ihm ein antikes Ideal einimpfte, dem er bis heute treu geblieben ist, kam er nadi Paris. Er ist dort von den Bildern der Claude Lorrain, Nicolas Poussin, Puvis de Chavannes begeistert worden. Er setzt die Linie dieser Malerei fort, sie gibt ihm die Form, noch nicht die Farbe. Er übernimmt nicht wahllos, er ist immer sehr kritisch und ein schwer an sich arbeitender Schöpfer gewesen. Die Elemente, die er aus dem Werke der Meister verwendet, sind so sehr entpersönlicht, daß sie rein merkelsche Prägung erhalten. Die Farbe hat schon ihre leuchtenden Finessen, dodi liegt der Wert der Bilder noch mehr in der erlernten Kunst, flächig zu komponieren. Erst nach Merkels Flucht nach Wien {1914) beginnt sein eigentlicher Kampf um Farbe und Raum. Auch weiß er seit jeher ganz genau, daß seine Qualität nie in der Nachahmung der Natur, in akademisch unfruchtbarer Imitation liegen wird, sondern in den Materialwirkungen. So geht er an die Entmateria^ lisierung der Farbe. Seine Art, aufzutragen, wird weicher, farbige Werte übergehen ineinander. Volumen wird nicht durch Kontur, sondern durch Farbe gegeben. Raum wird aus der Farbe gebaut. Die entmaterialisierte Farbe gibt mit der architek^ tonischen, der Kraft zu komponieren, vereint: das Gemälde. Dieses ist nun vollkommen ausbalanciert: der Weg zum Fresko ist frei. Ich stelle mir, an dieser Stelle angelangt, Merkels Bild »Die Vertreibung aus dem Paradiese« vor. Es ist Merkels letztes Werk. Eine Leinwand von ungefähr einem Quadratmeter Größe. Das Bild aber hat monumentale Qualitäten, wiewohl Merkel daran drei oder vier Jahre gearbeitet hat. Man ist geneigt, etwas vom ersten künstlerischen Schwung des Schaffenden zu halten, durch dieses Bild ist in mir die Überzeugung gereift, daß das kritische langsame Arbeiten zur Reife führt. Ich komme zu Merkels Themenwahl. Man denke sich wieder in jene bukolische Welt hinein, an die man _seit den Knabenjahren nicht mehr gedacht hat. In jene Welt von Virgils Hirten^ gedienten. Jene idyllische Welt, die den Größten der Malerei ihre Fabeln gegeben hat, ist nicht zum geringsten Teil die Ideenwelt Georg Merkels. Man könnte die von dem polnischen Maler geschaffenen Bilder, wollte man sie überhaupt mit Titeln versehen, was bei so rein malerischen Leistungen schwierig und ungehörig ist, ruhig mit Namen des Longus und Virgil benennen. Es sind fast immer Daphnis und Chloe, Tityrus und Meliboeus, Gestalten aus einem klassischen Idyllenkreis. Auch die Zeichnungen besonders die Kreidearbeiten — die zahlreichen Aktstudien sind aus einer antiken Welt. Frauen an der Quelle, Frauen mit Krügen, Tänzerinnen. Es ist nicht einmal notwendig, daß ein Blatt den Tanz wiedergebe, beabsichtigt und vollendet Merkel eine Bewegungsstudie, so ist in der Gestalt der Rhythmus ganz wesentlich heraus^ gearbeitet. Der Linie, der Zeichnung eines gehobenen Fußes, der gelegentlich aufgetragenen Farbe einer Rundung entgleiten ganz absichtslos Wirkungen, die sich zum Ausdruck der Bewegung zusammen^ schließen. Aber Merkels Sujetreiditum erschöpft sich damit nicht. Eine »Frauenbildnis« benannte Tuschzeichnung aus dem Jahre 1920 kann man geradezu mondän nennen. Hier ist aus fast zusammenhange losen Linien, aus dem Herausarbeiten einer Schwarzweißwirkung, die Schwingung, die einem Körper innewohnen kann, herausgeholt. Sprechen wir aber von einem Ölbildnis, dem Porträt der Frau R. S. aus der wiener Sammlung Steinitz etwa, so muß man Merkel die Qualitäten der großen englischen Porträtisten zusprechen, ohne an irgendeinen von ihnen im Besonderen denken zu können. In diesem Bild ist bei Wahrung vollster Ähnlichkeit jede mögliche Sonderwirkung, die das Bild zu einer Privatangelegenheit machen könnte, so sehr entper^ sönlicht, daß die dargestellte Dame zum »Bildnis einer Dame« schlechthin wird. Auch mit diesem Ausflug ins Moderne sind Merkels Themen noch lange nicht zu Ende. Zwischen die antike und moderne Welt der Bilder Merkels möchte ich, von den Landschaften ganz absehend, jene Bilder stellen wie etwa sein »Capriccio« aus dem Jahre 1921 oder den »Liebenden Pierrot« aus dem vorigen Jahre. Ich könnte mit der Aufzählung von Bildern Merkels fortfahren, um zu zeigen, daß sein Themen^ reichtum mit jedem Werke größer wird, doch genügt es, zu sagen, daß er über jene »liberte du sujet« verfügt, die vor und nach Courbet so oft miß^ verstanden worden ist und die nur wirklichen Malern zugänglich ist. Und Merkels, des wirklichen Malers Verdienst liegt nicht in einer billigen Revolution, sondern in der Erhaltung der Malerei. 312

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.