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Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 306

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 306 (sequence 9)
Language
German
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DAS BILDNIS MOSIS »Der Gottesmann Moses!« antwortete man ihm. Der Herrscher nahm nun das Bild und verglich es noch einmal mit der Gestalt Moses. Das Bild war ein Wunder der Kunst,- Moses war auf ihm wie lebendig. Da verlangte der daroh verwirrte und erstaunte Herrscher mit Moses zu sprechen. Er ging in das Zelt des Gottesmannes, verneigte sich tief und sprach: »Verzeih mir, gottgefälliger Mann! Solange ich dein Gesicht nicht gesehen hatte, glaubte ich, daß der Maler dein Bild falsch gezeichnet habe, denn meine Weisen sind die weisesten Weisen der Welt und sind eingeweiht in alle Geheimnisse aller Welten und kennen ihre Kunst. Aber jetzt, da ich sehe, daß das Bildnis dir gleicht, wie ein Bruder dem Bruder, erkenne ich den Unwert ihrer Weisheit. Ich sehe, daß sie mich betrogen haben, sie, die mein Brot gegessen und mich mit ihren Dummheiten immer genarrt hatten.« Moses lächelte und er sprach: »Nein, o Herrscher! Sowohl dein Maler als auch deine Weisen sind ausgezeichnete Kenner ihrer Sache. Aber siehe: wenn ich von Natur so geschaffen wäre, wie mich die Menschen aus meinen Handlungen sehen, wäre ich nicht tugendhafter denn ein trockener Holzklotz, der doch auch keine menschlichen Mängel hat. Auch hätte ich keine Verdienste, weder vor Gott noch vor den Menschen. Jawohl, mein Freund, ich sage es dir freimütig, daß alle Mängel, die deine Weisen bei mir entdedtten, mir wirklich von Natur aus eigen sind. Vielleicht gibt es ihrer sogar noch mehrere, als deine Weisen erraten haben. Aber ich habe die bösen Eigenschaften in mir bekämpft. Wie man aus dem Samen einen großen Baum aufzieht, habe ich in mir das Gute aufgezogen. Ich gewöhnte mir das Gute an, bis diese Gewohnheit mir zur zweiten Natur wurde. Das ist es, warum ich wie im Himmel, so auf Erden geliebt werde.« Und mit gütigem Lächeln verabschiedete Moses den arabischen Herrscher und gab ihm den Gruß des Friedens. <AUS DEM RUSSISCHEN VON BENJ. GALIN.) 306

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