Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-09-01 · Heft 9 (September 1924) · p. Seite 305

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 9 (September 1924)
Date
1924-09-01
Page
Seite 305 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133285--374-3133681
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DAS BILDNIS MOSIS EINE TALMUDLEGENDE VON W. DOROSCHEWITSCH Als Moses die Juden aus Ägypten führte, verbreitete sich sein Ruhm über die ganze Erde, wie das Öl sich über Wasser verbreitet. An allen Orten bewunderte man seine Taten und man sprach: »Wohl ist er ein heiliger Mann und gottgefällig, wenn er solche Wunder tun kann!« Das Gerücht von Moses7 Ruhm kam auch vor den Thron eines arabischen Herrschers. Der Herrscher vernahm mit Staunen von allem, was Moses vollbracht hatte und rief heimlich seinen besten Bildnismaler und er sprach zu ihm: »Ich will das Antlitz des gottgefälligen Mannes kennen lernen. Nimm ein Brett aus Elfenbein und die besten deiner Farben und geh in die Wüste, wo Moses sein Lager aufgeschlagen hat und mache mit all deiner Kunstfertigkeit und aller Sorgfalt sein Bild und bring es vor mich. Ein Geheimnis aber soll es bleiben zwischen mir und dir. Nun geh!« Der Maler nahm ein Brett aus Elfenbein und seine besten Farben und verließ heimlich das Schloß. Er schritt in die Wüste hinaus und fand Moses in seinem Lager und malte sein Bild, das er dem Herrscher brachte. Der Herrscher betrachtete lange die Züge des gottgefälligen Mannes. Dann befahl er, das Bild in seinem Schlosse aufzustellen und seine Weisen zu rufen. Die Weisen waren in vielen Geheimlehren erfahren und der Herrscher beriet mit ihnen oft und oft über die Angelegenheiten seines Volkes. Er zeigte ihnen das vom Maler ausgeführte Bildnis und sprach: »Ihr lest das Verborgene wie eine aufgewickelte Rolle. Urteilt nun nach den Zügen dieses Gesichtes und saget mir, was ist er für ein Mensch und worin besteht seine Kraft?« Die Eingeweihten standen verwirrt vor dem Bilde und blidtten auf ihren Ältesten. Niemand wollte seine Meinung als der Erste aussprechen, denn Jeder fürchtete, einen Irrtum zu begehen und dadurch dem öffentlichen Spotte ausgesetzt zu werden. Der Älteste der Weisen zupfte die Enden seines Bartes und sprach endlich: »Er ist ein böser Mann.« Da lösten auch die anderen Weisen ihre Zungen und begannen um die Wette den Mann auf dem Bilde zu besudeln. »Er ist ein stolzer Mann!« sprach der Eine. »Er ist schlecht und jähzornig,« meinte der Andere. »Er ist ehrgeizig.« »Habsüchtig.« »Lüstern!« Lind sie entdeckten an ihm alle schlechten Eigenschaften, die den Menschen erniedrigen. Und Alle bestätigten im Chor: »Dieser Mann ist ein Übeltäter. Ein solcher Mann kann nicht Gott gefällig sein!« »Haltet ein!« schrie der Herrscher, außer sich vor Zorn. »Wie? Ihr spottet über mich? Wißt ihr, daß dies Moses, den alle Menschen bewundern, ist? Und ihr sagt, daß er Gott nicht gefällig sein kann! Aller Menschen Mund ist voll von seinen Tugenden und ihr findet in ihm alle menschlichen Mängel. Jetzt erkenne ich eure Weisheit!« Und er zerriß seine Kleider zum Zeichen der Trauer. »Weh mir! Wehe, daß ihr den Stufen meines Thrones nahe wäret in den Angelegenheiten meines Volkes! Oh, über mich, der ich euch um Rat fragte!« Erschreckt warfen sich die Weisen auf die Knie und der Älteste sagte: »Unsere Wissenschaft ist unfehlbar. Und was wir sagen, ist Wahrheit. Die Schuld liegt am Maler! Falsch hat er die Züge des großen Mannes gezeichnet und uns getäuscht. Laß ihn hinrichten!« Es erhob sich darüber ein Streit und der Maler sprach: »Ich habe das Bild getreulich gezeichnet,- falsch ist das Urteil der Weisen.« Die Eingeweihten wieder versicherten: »Schlecht hat der Maler seine Arbeit ausgeführt!« Der Herrscher aber war begierig, zu erfahren, auf welcher Seite die Wahrheit liege. Er ließ einen Wagen anspannen, nahm das Bild an sich und fuhr in die Wüste. Im Lager der Israeliter angelangt, hob er die Augen und erblickte von ferne einen Mann, der, wie zwei Tropfen Wasser einander, dem vom Maler gezeichneten Bilde glich. »Wer ist dieser?« fragte der Herrscher. 305

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.