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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 298

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 298 (sequence 69)
Language
German
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BUCH, KUNST UND KÜNSTLER Tranz Kafka, 1883 in Prag geboren, 1924 in Kierling bei Wien gestorben. Von seinen Werken ist bei Lebzeiten nur ein kleiner Teil <über Andrängen seiner Freunde) veröffentlicht worden. Der Nachlaß umfaßt drei große Romane, von denen aber nur einer als nahezu abgeschlossen gelten kann. Neben den Romanen dürften auch noch eine Anzahl kleiner Prosastücke vorhanden sein. Über Sichtung und Herausgabe des Nachlasses ist derzeit noch nichts bekannt. — Kafka veröffentlichte 1912 kleine Prosaskizzen unter dem Titel »Betrachtung« <Kurt Wolff- Verlag). Es folgten »Das Urteil«, »Der Heizer«, »Die Verwandlung«, »In der Strafkolonie«, »Der Landarzt«, sämtliche bei Kurt Wolff. Der Verlag »Die Schmiede« bereitet ein neues Prosabuch »Der Hungerkünstler« <vier Novellen) vor. — Kafka ist ein Dichter von durchaus unvergleichlicher Eigenart, sein Stil überragt durch Einfachheit, Natürlichkeit und bezwingendem Rhythmus alle modernen Sprachexperimente Sternheims, Edschmids usw., mit denen so viel Lärm gemacht wurde. In seiner eigentlichen Bedeutung als Meister der Erzählung, des Wortes und der traumhaft sicheren Gestaltung wird Kafka erst allmählich erkannt werden. Vorläufig hat seine Kunst nur einen kleinen Kreis, allerdings fanatischer und ihm nahezu mit Ausschließlichkeit ergebener Bewunderer. Wer das Glück hatte, ihm im Leben nahezustehen, liebte und liebt die Reinheit und Strenge seiner Seele, die nichts als Vollkommenheit wollte und die dabei Seltenste aller Synthesen) den göttlichen Funken in allen, auch den unscheinbarsten und geistfernsten, ja verdorbensten Äußerungen des Lebens ringsum mit mildester Demut, Bescheidenheit und ohne den geringsten Einschlag bitterer Polemik anerkannte. M. B. Affred Justitz, von dem »Das Zelt« in diesem Hefte sechs Bilder bringt, ist vor dem Kriege durch Ausstellungen wenig hervorgetreten. Die Bilder aus jener Zeit hängen zumeist in privaten Sammlungen, einige davon auch in Wien, so unter anderem eine Gartenlandschaft und ein Kopf aus dem Jahre 1910 und eine Komposition »Pferdeschwemme« aus dem Jahre 1913. Während des Krieges, den Justitz in vorderster Front mitgemacht hat, konnte er kaum malen, so daß diese Zeit bis auf einige Skizzenbücher ziemlich unfruchtbar geblieben ist. Nach dem Kriege übte Matisse ziemlich starken Binfluß auf Justitz aus. Aus dieser Zeit gibt es in den Farben sehr starke Bilder des Malers. Jetzt liebt er wieder die braunen Töne, die ihm auch vor dem Kriege gefallen haben. J. K. NEUE BÜCHER Besprochen von Josef Haßn, Eugen Hoefftcß und Leo Weiss. Die sittficße Weft des Judentums. CL Teif- Die sittCid)e Weft der ßeifigen Schriften.} Von Prof Dr. J. Ziegfer. CHerausgegeßen von der Großfoge X. J. O. B. B. für den tscßecßosfo* wabiscßen Staat. Im Verfag W. M. Kaufmann, LeipzigJ Ziegler will in diesem Buch zweierlei: das deutsche Judentum zur Bibel und zum alten Glauben zurückzuführen und andererseits der Masse dieser Westjuden, »die außer ihrer Tageszeitung nie ein Buch zur Hand nimmt«, den Weg weisen, der sie wieder zu geistigen Dingen führt, die einst primär ihr Dasein bestimmten. Ein löblicher Versuch, aber wer seine geistige Ergänzung aus dem täglichen Journal holt, greift, fürchte ich, kaum zu einem Buche, dessen Titel schon sagt, daß es weniger an das Innerste, an das zum naiven Erleben doch immer irgendwie bereite Herz greift, sondern mehr an geistige Voraussetzungen appelliert, die keineswegs von den »Inseraten** gestaden der öffentlichen Meinung« zu holen sind. Ziegler will ein Gutes, er will das entjüdischte Judentum wieder jüdisch machen, aber wenn er bereit ist, auch bei einer »Eliminierung früherer Ideale und ihrer Ersetzung durch andere mitzutun«, baut er ein Judentum auf, das auch in Quäkergemeinden gelehrt werden darf, ein an Europas gegenwärtigen — natürlich nur im erstrebten, nicht aber tatsächlich vorhandenen — Sittlichkeitsstandard assimiliertes Judentum. Ein Judentum, das nichts weiter sein will alseine Reklamation der Prioritätsrechte auf den kategorischen Imperativ für das Judentum. Das Judentum scheint mir aber mehr zu sein. Dieses ethische Prinzip, das einen Gott der Rache, wie einen Gott der Liebe hat, will mehr als ein Temperenzverein sein, dessen Statut ein nach der jetzt geltenden Mode restringiertes »Altes Testament« ist. Und es will etwas anderes sein als die von Europas Erfordernissen bedingten Konzessionen des Westens. Nie darf vergessen werden, daß das Juden* tum aus dem Osten kommt und heute noch wie ehedem im Osten fußt. Wenn auch der Sternenhimmel über uns und das sittliche Gesetz in uns, aus gewissen Perspektiven betrachtet, vom Sternenhimmel des Westens und vom sittlichen Gesetz in der Brust des wahren Europäers im ersten Augenblick wenig different erscheinen, sahen wir, »Kinder der Schrift«, doch stets in unsere Himmel und in unsere Brust aus seelischen Bewegungen, die andere sind als die des Westens. Unserer Bibel gemäß ist unsere Ekstase, jene Ek=stasis, die nur der Osten kennt (kein Luther, wohl aber die Ekstatiker von den Propheten bis zu den tanzenden Derwischen dieser Tage, sind seine Kinder),- der überschäumenden Gesetzlosigkeit der Ekstase entsprechen die Normen unserer Sittlichkeit. Aus dieser östlichen Bibel ein Wort nur eliminieren, heißt die Ekstase töten, heißt das Judentum gefährden. Nein, Herr Professor: es soll in unserer Bibel alles bleiben, wie es war. Nicht ein Jota, nicht einmal die 12.000 Erschlagenen von Ai mögen fehlen. Mit heiliger Scheu muß jeder Buchstabe, jedes Ideal gehütet werden und, damit sind wir wieder eines Sinnes, gepflegt und immer wieder staunend und erschüttert gelesen und begriffen werden . . . Dieses Westjudentum aber, das von der Bibel sich entfernt hat, wird auch Zieglers kluges, von großer ehrlicher, leider aber durch ein assimiliertes Temperament gedämpfter Liebe getragenes Buch nicht zur Hand nehmen. Judentum muß in dem Einzelnen wieder zum erschütternden Erlebnis werden, sei es durch das Erlebnis des palästinensischen Wunders, sei es durch das Erlebnis zweier Sabbathlichter. Dann erst kann ihn Zieglers Buch zur Bibel weisen. Zur Bibel, wie sie ist und wie wir sie lesen an jedem Sabbath unseres Lebens. Das Buch enthält eine Reihe kluger Aufsätze über die jüdische Gottesidee und die verschiedenen Kategorien sittlicher Beziehungen und Ausdrucksformen. Es fehlt hier an Raum, auf die Aufsätze, die manches Schöne, aber auch Manches, dem auch aus den oben angedeuteten Gründen widersprochen werden könnte, einzugehen. Den 298

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