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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 295

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 295 (sequence 66)
Language
German
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DIE MÄHRISCHEN JUDEN IM GOLDSCHMIEDEHANDWERK für alle Fälle und in der Hoffnung, gleich den richtigen bei der Hand zu haben, wenn sich ihm wieder einmal das unaussprechliche Glück darbieten wollte, der holden Julia gefällig zu sein. Es kam nie dazu. Julia heiratete ihren Jakobus Kisch, der auf dem Neustädter Roßmarkt ein gut einge* führtes Kurzwarengeschäft betrieb, wurde die Mutter vieler Kinder und setzte Fett an. Der arme kleine Herr Wehle aber trug unentwegt seine beiden Schirme mit sich herum, und wurde ein viel belachter Ghettonarr. Er ging sorgfältig rasiert und sauber gekleidet einher, grüßte freundlich alle Leute und wartete nur auf den Augenblick, da er seiner ange* beteten Julia einen der beiden Schirme werde anbieten dürfen. Darüber ist er alt und grau geworden, schrumpfte ein und starb. DIE MÄHRISCHEN JUDEN IM GOLDSCHMIEDEHANDWERK VON DR. JAKOB BRONN ER, KUSTOS DES WIENER JÜDISCHEN MUSEUMS Die Neigung und Befähigung des jüdischen Volkes zum Goldschmiedehandwerk und zum künstlerischen Schaffen in edlen Metallen reichen in ein sehr hohes Altertum zurück. Auch in der nachbiblischen Epoche gibt es jüdische Goldschmiede in der ganzen damaligen Diaspora, im römischen Imperium, im Abendlande und im ganzen Morgenlande. Im Orient besonders ist das Goldschmiedehandwerk in alter und in neuer Zeit geradezu ein Spezialberuf der Juden, in Arabien und Persien, im Iraq, in Kurdistan und Bochara, in Ägypten und ganz Nordafrika begegnet man den jüdischen Gold* und Silber* schmieden, die überall den Mittelpunkt der gesamten Edelmetallarbeit der betreffenden Länder darstellen. Nicht minder bevorzugen die Juden der späteren abendländischen Diaspora das Goldschmiedehandwerk. Im Westen, in den romanischen Ländern, wird ihrer schon um das Jahr 1000 urkundlich Erwähnung getan. So findet man sie in Frankreich, in Spanien, sowohl in der maurischen Zeit, als auch später während der christlichen Vorherrschaft bis 1492, besonders aber in Italien, wo wir aus dem Ende des Mittelalters den Namen eines sehr bedeutenden Künstlers, Salomone de Sessa, — später als Renegat Ercole dei FedelH genannt — erfahren. Neben den kulturalten Ländern des Abendlandes erscheinen dann auch viele jüdische Meister des Goldschmiedehandwerks seit dem sechzehnten Jahr* hundert im slawischen Osten. Polen und Böhmen sind Zentren der jüdischen Goldschmiedekunst. In Polen blühen Krakau, Lemberg, Lublin, Posen, Bromberg und andere schon seit Sigismund I. (1505—1548) und in Böhmen hauptsächlich Prag als früherer Mittelpunkt jüdischenHandwerks und jüdischer Volkskunst. Seit dem sießzeßnten Jaßrßundert kommt dann aucß Mäßren ßinzu und ist zwei* hundert Jahre lang recht bedeutend und Schaffens* freudig in der Goldschmiedekunst. Hier sind besonders lehrreich die Ergebnisse der verschiedenen Erhebungen, welche durch die Kreishauptleute über Auftrag des Guberniums (Regierung) in Brünn gepflogen wurden. Aus ihnen erfährt man nebst interessanten allgemeinen Aufschlüssen eine Reihe von Namen jüdischer Meister im Goldschmied* gewerbe. Solche Erhebungen erfolgen in den Jahren 1699, 1716, 1732,1744, 1757, 1769 und 1775, und das Resultat ist vom jüdisch*kulturellen Standpunkt aus stets von größter Bedeutung. Schon 1699 erscheinen laut der einschlägigen Liste jüdische Silber* und Goldschmiede in Austerlitz <einer>, in Nikolsburg <zwei>, »ein Silber* und ein Filligranarbeither«, in Gewitsch <einer>, der »aus dem Königreich Bößmen gekommene Goldschmidt Natan Hirschel«, in Proß* nitz <einer> und »in dem Stätterl Boscowitz befinden sich Zwey jüdische Goldschmidt, benamentlich der Mojses Isac, so ein alldortiger Unterthan, und der andere Salomon Schwartz Harschl, geßürtig aus Prag.« Das Dekret von 1727 <n. Januar), welches eine bevorstehende Regulierung des Münzwesens einleitet, hält es für »schädlich, daß sowohl im Königreich Bößeimß, afs Margffißumß Mäßren so viefe Jüdische Gofd*Schmidgefitten werden«.. Es sollte ihnen »allerorthen die Gold*Schmied*pro* fession völlig eingestelltt« werden. Interessant ist dieses Edikt, das sich vornehmlich mit den Maß* nahmen zur Beseitigung des Verarbeitens und Handelns mit minderwertigem Silber beschäftigt, weil es trotz aller Absicht, darin die Juden als die Hauptschuldigen darzustellen, zugeben muß, daß die Erzeugnisse aus schlechtem Silber durch »sowoßf Christficße afs Jüdische Gofdschmidt in die Erh* fänder ausgestreuet werden«-* Sie verwenden es aber auch für sich, für ihre Ritualgegenstände in Haus und Synagoge, weil hier wie dort die Armut die Ursache für die Bevorzugung ist, nicht aber die Lust am Betrügen. Der mährische Thoraschmuck und die Gewürzbüchsen, der Frauenzierat und das Haussilber der Juden Mährens, die aus dieser Zeit stammen, beweisen dies mit ihrem geringen Silber* feingehalt zur Genüge. Das Zentrum des jüdischen Gofdschmiede* ßandwerks in Mähren ist im achtzehnten Jahrhundert das Städtchen Nikofsßurg, so wie es damals auch in talmudischer Hinsicht einen Mittelpunkt 295

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