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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 294

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 294 (sequence 65)
Language
German
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WEHLE MIT DEM PAR AP LÜH ihrem Haupte trug sie die hohe silberne Haube der Bräute. Denn Julia war verlobt und versprochen dem tüchtigen Kaufmann Jakobus Kisch, der auf dem Neu= Städter Roßmarkt ein gut gehendes Kurz= Warengeschäft besaß. Veit Wehle wagte keine Annäherung. Bräute waren ein heiliges Gut und außer^ dem gehörte Julia zu einer der reichsten Familien des prager Ghetto. Einmal aber, am Ende eines Ballabends, die Laternen^ buben warteten schon vor dem Haustor, fand der Geiger Gelegenheit, das anmutige Fräulein anzusprechen. Draußen auf der Straße fauchte der Wind wie eine böse Katze. Eine garstige Mischung von Schnee und Regen belästigte die Heimkehrenden. Julia hüllte sich fröstelnd in ihren Mantel, da trat der Geiger auf sie zu und sagte mit stockender Stimme: »Darf ich Ihnen nützlieh sein? Fräulein Julia ist es erlaubt, Sie zu geleiten?« Freundlich antwortete das Mädchen: »Ich habe nicht weit, nur bis in die Breite Gasse, das ist gleich um die nächste Ecke und mir genügt mein Laternen^ junge. Ja, wenn Sie noch einen Regenschirm hätten!« Der unglückliche Herr Wehle hatte keinen Regenschirm zur Hand, so mußte er sich damit abfinden, allein und traurig in der Dunkelheit zurückzubleiben. Seitdem trug Veit Wehle immer einen mächtigen Regenschirm mit sich herum, von der seligen Hoffnung gewiegt, einmal doch Gelegenheit zu finden, dieses rote Seidendach seiner Angebeteten anbieten zu dürfen. Monate vergingen, es fand sich kein erwünschter Zufall, aber der kleine Herr Wehle wartete geduldig und gab den Regenschirm nicht mehr aus der Hand. So kam der Sommer, und es wurde diesmal just ein grausam heißer Sommer. Das prager Pflaster glühte wie ein überheizter Backofen. Alles wanderte ins Freie, war bestrebt, die brennende Steinwüste, wenn auch nur für Stunden, mit den grünen Inseln der Moldau zu vertauschen. Die Juden zu jener Zeit, längst nicht mehr an die Scholle ihres Wohnbezirkes gefesselt, mischten sich draußen ungescheut unter das christliche Volk. Kaiser Josef, der Menschenfreund, hatte sein Toleranzedikt bereits erlassen. So durften es die Judenmädchen unter der Aufsicht einer sehr würdigen Matrone wagen, sogar bis in die arkadischen Gefilde des fernen Baumgartens zu flattern. Da Herr Jakobus Kisch zu einer Tuchmesse nach Reichenberg gefahren war, schloß sich Julia, die Braut, ihren unverlobten Freun= FRIEDRICH FEI GL OSKAR WIENER dinnen an. Und wo Julia war, da wollte auch der kleine Geiger Wehle sein. Er nahm seinen roten Regenschirm unter den Arm und schlich den Mädchen nach. In der Nobelallee des Wildparkes wußte er es so einzurichten, daß er den jungen Damen begegnete. Eben sagte Julia: »Ach diese grausame Hitze. Die Linden haben ihre Blätter abgeworfen, als ob es schon Herbst wäre. Da hilft mein EIfenbeinfächer wenig. Wie schade, daß ich keinen Sonnenschirm mitgenommen habe!« Entzückt über diesen Wunsch seiner heimlich Vergötterten, ließ sich Veit Wehle auf ein Knie nieder und bot ihr den roten Regenschirm dar. Julia lächelte gütig: »Aber, Herr Wehle, welcher Irrtum, ich trage Verlangen nach einem zierlichen Sonnenschirm und Sie wollen mir dieses abscheuliche Regendach aufdrängen. Begnügen Sie sich, bitte, mit meinem Dank.« Beschämt, enttäuscht schlug sich der arme kleine Herr Wehle samt dem verschmähten Regenschirm in die Büsche. Auf dem Weg nach Prag aber faßte er den Entschluß, seinem Regenschirm noch einen himmelblauen Sonnenschirm zuzugesellen. Seitdem trug Veit Wehle stets zwei Schirme mit sich herum, 294

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