Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 293 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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wßiLE MIT L jüdischer Wissensfächer und nicht zuletzt durch den Glanz ihrer Erscheinung haben diese, meist betrügerischen und nach persönlichen Vorteilen heischenden Sendboten das leichtgläubige Israel gewinnen können, welches sich inmitten von Bedrängnissen und Verfolgungen gern einem süßen Rausche hingab, den Traum von einer besseren Zukunft im Lande der Verheißung zu träumen. ZM PARAPLÜH Erst das Auswanderungsedikt der Kaiserin Maria Theresia erweckte sie aus diesen Träumereien. Die rauhe Wirklichkeit pochte wieder an die Tore der Ghetti . . . * Nicht zu verwechseln mit dem späteren, von Israef Baat Scßem ToB begründeten Chassidismus, dessen Anhänger eben~ falls »Chassidim« heißen. WEHLE MIT DEM PARAPLÜH EINE PRAGER GHETTOGESCHICHTE VON OSKAR WIENER Wo sich jetzt der neue Anbau zum jüdischen Rathaus erhebt, stand in der Rabbiner&asse einst das Haus meines Großvaters. Dieses Haus hatte eine tiefe, sehr finstere Toreinfahrt, breite Stufen aus Ziegelsteinen, einen Hof zum Holzspalten und einen höhergelegenen Platz, wo in der Festwoche die Laubhütten aufgerichtet wurden. Das Haus war ein Familienhaus, nur im vierten Stockwerk wohnten fremde Leute. Dort wohnte auch der kleine Herr Wehle, der ein Ghettonarr war, und unter dem Namen Wehle mit dem Paraplüh große Volkstum* lichkeit genoß. Ich erinnere mich noch recht gut an den armen kleinen Herrn Wehle,- das uralte Männlein wurde immer von einer Horde gröhlender Gassenbuben verfolgt, die mit dem Greis ihr grau* sames Spiel trieb. Er aber kümmerte sich nicht um sie, wandelte gravitätisch durch die Straßen und trug immer zwei Schirme mit sich herum: einen Regenschirm und einen Sonnenschirm. Je nach dem Wetter hatte er den einen seiner Schirme aufge* spannt und hielt den anderen geschlossen unterm Arm. Man sagte ihm nach, daß er seine beiden Schirme des Nachts auch ins Bett nahm,- doch dies soll nur eine Verleumdung sein. Wehle war stets sauber gekleidet, und sein sorgfältig rasiertes Gesicht strahlte vor Selbstgefälligkeit. Im Hause meines Großvaters gab es auch einen düsteren Mann aus dem Kreise der Onkelschaft, den Ohm Beer Kalmus. Sein größter Schmerz war auch sein größter, wenn auch geheimer Stolz: Er hatte einen Sohn besessen, einen begabten Jungen, der war nicht mehr sein Sohn. Dieses verlorene Reis am Lebensbaum Israels, war der berühmte Pater Kalmus, Kanzelredner zu St. Jakob, und Beichtvater einer Kaiserin. An einem Jomhakkipur hatte der Abtrünnige noch gefastet und den ganzen Tag in der Klaussynagoge betend zugebracht, dann war er zu den Jesuiten gegangen und hatte sich taufen lassen. Er hatte diese Tat aus unglücklicher Liebe zu Julia begangen, aus Liebe zu Julien, die nicht schön war, deren Augen aber unter hochge* wölbten Brauen gleich überirdisch blauen Sternen sein Gemüt bedrängten. Und um jener Julia willen hatte auch der arme kleine Herr Wehle den Ver« stand verloren. Es war um die Zeit der Purimbälle/ in der Judenstadt tobte eine wilde Faschingsfreude. Damals war der kleine Herr Wehle noch ein junger Mann, doch gerühmt durch sein vortreffliches Geigenspiel. Wo getanzt werden sollte, lud man auch den Veit Wehle zu Gast, aber nur um seiner Violine willen, denn an dem schüchternen, viereckigen Menschen fand kein Mädchen Gefallen. Wehle hatte den Andern zum Reigen aufzuspielen, dazu war er gut. In der engen, übervölkerten Judenstadt, wo die Häuser wie ein hochgetürmtes Schachtelwerk zum Himmel emporkrochen, gab es keinen großen Tanz* saal,- man drängte und drehte sich zur Fiedel des Herrn Wehle in bescheidenen Stuben. Und selbst die kleine Gestalt des Geigers war den tanzwilden Paaren im Wege, so stellte man ihn in einen Trag* korb und hing diesen an einen Nagel an die Wand. Veit Wehle lächelte gutmütig zu solch einer Standes* erhöhung, aber in einer jauchzenden, tanzschwülen Purimnacht wurde sein Lächeln verträumt und unsagbar sehnsuchtsvoll. Er hatte unter den Tän* zerinnen Julia erblickt, das Mädchen mit den Hirn* melsaugen. Seitdem spielte Wehle , seine Walzer und Menuette noch einmal so schön und hundert* mal inniger. Julia schwebte durch den Raum mit der Anmut der Königin Esther, und der arme kleine Herr Wehle fühlte: Ihr fehlen nur weiße Engelsflügel. Um die schlanken Hüften hatte sie einen gelben Kaschmirschal geschlungen und auf 293