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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 286

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 286 (sequence 57)
Language
German
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JÜDISCHES IN DER TSCHECHISCHEN LJ TERA TUR DES XIX. JÄHRHUNDERTS Von der Sdirift Richard Wagners »Das Judentum in der Musik« ausgehend, nimmt er zur Frage der Judenemanzipation Stellung und meint, es könne sich nicht um eine Emanzipation des Judentums, sondern nur um eine Emanzipation vom Judentum handeln. Als Schutz gegen das Judentum empfiehlt er anstatt mittelalterlicher Verfolgungen <über die er sich übrigens an anderen Stellen seiner Werke herzlich freut) einen wirtschaftlichen Antisemitismus. Diese Schrift strotzt von den niedrigsten und nieder^ trächtigsten, eines so großen Dichters, wie es Neruda war, ganz unwürdigen Verunglimpfungen des Judentums. — Neruda wendet seinen Groll gegen jüdische Kaufleute, Bankiers (insbesondere die Rothschilds), ganz besonders aber gegen die jüdischen Journalisten und Politiker, die, im Dienste des Deutschtums stehend, zur Unterdrückung und Knebelung des tschechischen Volkes beigetragen haben. In der Mitte zwischen dem Antisemiten Neruda und dem Judenfreund Vrchlicky steht der Vertreter der nationalen Richtung in der tschechischen Poesie Svatopluk Cech. Dort, wo Cech vom jüdisehen Volk als solchem spricht, zeigt er sich ihm wohlgesinnt. Er anerkennt seine hohe Mission unter den übrigen Völkern der Welt und beklagt sein Jahrtausende währendes Martyrium <»das Christentum hat dem Judentum für jeden Dorn, der in die Schläfe des Heilands eindrang, reichlich heimgezahlt«). Wenn er aber auf das gegenwärtige Judentum, insbesondere auf manche jüdische Stände, wie Krämer, Wucherer, Advokaten und dergleichen zu sprechen kommt, stellt er diese Judentypen, bald in pathetischer Rede, bald in beißender Satire, als wahre Unholde dar. Auf der einen Seite weist er also auf die Sendung des Judentums hin, auf die dieses allen Grund habe, stolz zu sein, und die ihm das Recht gebe, sich über seine Schmäher ruhig hinwegzusetzen (»Palästinensische Träume«), Er spricht mit Unmut von den antisemitischen Ausschreitungen auf dem Lande <»Alte Erinnerungen«), verdammt eine Szene, deren Zeuge er auf der Reise in den Kaukasus war und wo ein Jude von einer russischen Bäuerin unverdienterweise verprügelt und dazu noch von den übrigen Fahrgästen verhöhnt wurde (»Reise^ skizzen«). In einem rührenden Gedicht <»Die Steppe«) schildert er einen vor dem Pogrom flüchtenden russischen Juden, in einem Fragment (»Einige Gedanken zur Judenfrage«) spricht er dem Judentum seine Bewunderung aus, daß es trotz der großen Leiden alle seine mächtigen Verfolger überdauert hat,- und wenn er die Helden aufzählt, die für die heiligsten Güter der Menschheit: für Vaterland, Religion und Freiheit gekämpft haben, so nennt er an zweiter Stelle, gleich nach den Heerscharen des Leonidas, die Makkabäer (»Träume«). Mit ehrfürchtiger Verehrung spricht schließlich Cech von den verschiedenen Ghetti, die er kennen gelernt hatte, so vom prager Ghetto (»Kurzweilige Geschichte vom Vogel Velikän Velikanovtf«) und von den Judenvierteln in Krakau und in der kaukasischen Stadt Kutais (»Reiseskizzen«). GEORG KARS Auf der anderen Seite aber wendet sich Cech gegen gewisse Judentypen, die er als Schädlinge des tschechischen Volkes betrachtet, gegen jüdische Kaufleute und Wucherer. Diese Herren Dattelzweig, Abeles, Raubitschek, Koretz, Perlsee (in den Erzählungen »Humane Kapitel«, »Der Apfelbaum« und im Roman »Ikaros«) sind ganz widerliche, skrupellose Gestalten. Ebenso abstoßend wie Diese wirken die jüdischen Trödler Aron (in »Der verpfändete Charakter«), Abraham Taiteles (in »Signorina Gioventü«) und Muneles (in »Gespräch der Röcke«), Die beiden Skizzen »Der ewige Jude« und »Der Besuch des ewigen Juden« sind Satiren auf den jüdischen Schachergeist. Neben der nationalen Dichtung blühte in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Böhmen die kosmopolitische, und es liegt, abgesehen von anderen Ursachen, auch im Wesen dieser Richtung, daß ihre beiden Hauptvertreter Zeyer und Vrchlicky ihre Stoffe mit Vorliebe dem Alten Testament er\U nehmen und auch gerne dem Judentum des Mittelalters und der Neuzeit ihr Augenmerk zuwenden. Der erstere von ihnen, Julius Zeyer, war das Kind einer jüdischen Mutter,- seine Großeltern bewohnten noch das prager Ghetto und der Knabe weilte nicht selten bei ihnen zu Gast. Die Vorliebe, mit der Zeyer in seinen Werken den Sederabend 286

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