Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 285 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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JÜDISCHES INDER TSCHECHISCHENLITERA TUR DES XIX. JAHRHUNDER TS ALFRED JUST1TZ SPAZIERFAHRT zu Tag, denn er ist, bei allem Verdienst, sparsam, er kauft Hab und Gut der herabgekommenen Bauern zusammen, wird Großhändler mit Vieh, Feldfrüchten, Stroh und Heu und verläßt, sobald er zu großem Reichtum gekommen ist, als Fremder das Dorf, um sein Leben in der Stadt als Indu* strieller oder Privatier zu beschließen. Das ist die Schablone aller Erzählungen Pravdas, die mutatis mutandis immer wieder denselben Inhalt haben. Pravda leitet mit seinen Dorfgeschichten eine Tradition ein, die später bei W. Kosmäk, A. W. Smilovsky, J. Holectek und J. Herben in einer für das Judentum gleich unfreundlichen Weise ihre Fortsetzung findet. Eine ähnliche Einstellung wie Pravda hat der berühmte tschechische Dichter Jan Neruda zum Judentum. Es ist um so bedauerlicher, als er sehr viele ihn verehrende und schätzende Juden zu seiner Lesergemeinde zählt. Nicht immer war Neruda Antisemit. Als Knabe empfand er lebhaftes Mit* gefühl mit einem unter einem schweren Pack ächzenden Hausierer, irgendeine schöne und ehrliche Tat eines Juden, deren Zeuge er war, ließ ihn im Judentum das Ideal der Ehrlichkeit erblicken, im Gymnasium zählte er die jüdischen Mitschüler zu seinen besten Freunden, und als einmal Einer von ihnen <der spätere Schriftsteller Seligmann Heller) bei der Angabe des »Nationale« dem Lehrer vor der ganzen Klasse anstatt des gewöhnlichen verschämten »Israelit« mit Stolz erklärte: »Ich bin ein Jude«, da erst wurde auch j er sich seines Volkstums recht bewußt. Als junger Mann war er ein Verehrer Börnes und Heines, »verbrach« ein paar »Hebräische Elegien« und wurde schließe lieh Mitarbeiter von David Kuhs »Tagesbote aus Böhmen«. — Als aber Neruda in den darauffolgenden Jahren in den Juden die nationalen und politischen Gegner des tschechischen Volkes kennen gelernt hatte, da stellte er sich ihnen mit all seinem Haß entgegen. Die Wandlung Nerudas vom Judenfreund zum Antisemiten zeigt sich deutlich in seinen Schriften. In den Jugendgedichten »Friedhofsblumen«, in den Skizzen »Aus dem Notizbuch eines Journalisten« und »Frankfurt am Main« <zeitlich also bis etwa zum Anfang der sechziger Jahre) zeigt er sich noch von der philosemitischen Seite. Dann aber bricht sein Antisemit tismus los und Neruda flickt, wo er nur kann, den Juden eins aufs Zeug: in seinen Versen, in den Erzählungen, meistens aber in seinen zahlreichen Feuilletons. <Neruda war Feuilletonredakteur der »Närodni Listy« und schrieb jede Woche das Sonntagsfeuilleton.) — Am brutalsten zeigte sich Nerudas Antisemitismus in der Broschüre »Die Angst vor dem Judentum« <»Pro strach zidovsky«). 285