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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 284

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 284 (sequence 55)
Language
German
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JÜDISCHES IN DER TSCHECHISCHEN LITERATUR DES XIX. JAHRHUNDERTS VON OSKAR DONATH Den ersten jüdischen Gestalten begegnen wir in der tschechischen Literatur des XIX. Jahrhunderts bei K. H. Mächa. Dieser Verehrer Lord Byrons konnte an den »Hebräischen Melodien« des englischen Dichters nicht achtlos vorübergehen und sie fanden einen Widerhall in seinem Roman »Die Zigeuner«. In ihm werden, wenn auch als Nebenfiguren, ein jüdischer Gastwirt und seine Tochter Lea einge^ führt,- dieser legt Mächa ein ergreifendes Lied über die Heimatlosigkeit des Judentums in den Mund. Mächas Epigone war W. ß. Nebesky. Mit den prager jungdeutschen Dichtern, zu denen viele Juden zählten, innig befreundet, dachte er daran, jüdische Kräfte dem damals noch sehr schwachen Tschechen^ tum zuzuführen. Und so entstand in den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts die erste tschechisch^ jüdische Bewegung, geführt von Nebesky tschechischerseits, von Siegfried Kapper und David Kuh jüdischerseits. Sie faßte keine tieferen Wurzeln, sondern beschränkte sich zum größten Teil auf eine in den Blättern »Orient« und »Allgemeine Zeitung des Judentums« sowie in »Kvety« und »Ceskä vcela« geführte Zeitungskampagne. Das wichtigste Dokument dieser^ Bewegung sind die »Tsc£ecßiscßen Bfätter«. <Ceske listy> von Siegfried Kapper, dem ersten tschechisch schreibenden Juden. <Es sei bei dieser Gelegenheit erwähnt, daß sich auch L. A. Frankl in der Zeitschrift »Kvety« in tschechischen Versen versuchte.) Er schildert in dem Gedichtbändchen jüdische Zurücksetzung und jüdische Not <»Ben-oni«) und fordert seine jüdischen Landsleute zur Emanzipation und tschechischen Assimilation auf <»Passahnacht«, »Der 9. Ab«, »Neujahr«, »An W. B. Nebesky« und anderes). Kappers Name bedeutet heute ein Programm. Ihn führen nahezu alle tschechisch-jüdischen Vereinigungen der Tschechow Slowakei in ihrem Schilde. Nebeskys und Kappers Unternehmen wurde von dem berühmten tschechischen Politiker und Journalisten K. Havffcek=Borovsky bekämpft, aber nicht etwa aus antisemitischen Beweggründen, sondern weil Havlicek eine Annäherung der Juden an die Tschechen für unmöglich hielt. Havlicek war trotz einiger satirischer Gedichte gegen die polnischen Juden (»Galiziens Patrone«, »Astronomie eines polnischen Juden«) nichts weniger als ein Antisemit. Im Gegenteil, er trat nach dem Jahre 1848, da sich das flache Land in Böhmen gegen die den Juden gewährte Gleichberechtigung auflehnte und die erlassenen Gesetze und Verordnungen via facti durchkreuzte, mit einem Aufsehen erregenden judenfreundlichen Aufsatz »Die Emanzipation der Juden« für die Rechte der Juden ein. Offenbar unter dem Einfluß der tschechisch^ jüdischen Bewegung entstanden die beiden Judendramen von W. K. Klicpera: das Schauspiel »Die Israelitin« und das Lustspiel »Das Warschauer Aschenbrödel«. In beiden kommen die Juden gut weg. Ein Propagandastüd( der tschechisch=jüdischen Bewegung, allerdings aus späterer Zeit, ist die sehr populäre, mit humoristischen Elementen durchsetzte Tragödie »Der Prager Jude« <»Prazsky zid«) von dem Dichter und Schauspieler Jos. Jifi Kolar, einem Judenfreund. Das Drama erregte bei der Erstaufführung ein ungewöhnliches Aufsehen, erwies sich als das zugkräftigste Stück der Theatersaison und erhielt sich bis zum heutigen Tag, also mehr als fünfzig Jahre, auf der Bühne. Die Ursache eines so ungewöhnlichen Erfolges liegt aber nicht etwa in seinen künstlerischen Vorzügen, sondern in seinem historischen Hintergrund: der Hinrichtungsszene der böhmischen Adeligen auf dem Altstädter Ring in Prag am 21. Juni 1621, die, sehr geschickt dargestellt, nervenaufpeitschend wirkt. Den Namen trägt das Stück nach seinem Helden, dem angesehenen jüdischen Juwelenhändler aus Prag, Falu Eliab, einem wahren tschechischen Patrioten. Er hielt es mit den Aufständischen und wurde ein Opfer seiner Gesinnung. Die Figur des Falu Eliab ist erdacht und bedeutet einen starken Verstoß gegen die historische Wahrheit, denn im XVII. Jahrhundert konnte es einen tschechisch-jüdischen Patrioten von der Art Falu Eliabs nicht geben. Von der Unkenntnis jüdischer Verhältnisse zeugt auch, daß der Dichter die jüdische Familie am Pfingstfest in der Sukkah sitzen läßt und den Hausherrn anstatt mit »balboth« mit »balmachome« ansprechen läßt. Trotz seiner Mängel hat das Stück für das Judentum die große Bedeutung, daß es das einzige Gegengewicht gegen eine Flut antisemitischer Literatur bildete, durch die Böhmen in jener Zeit vergiftet und verhetzt wurde. Einen Gegensatz zu Kolärs Falu Eliab bilden die von dem katholischen Geistlichen Franz Pravda gezeichneten Judentypen. Trotzdem Pravda seine Dorfgeschichten dem jüdischen Erzähler Bertold Auerbach nachbildete, vermochte er dennoch nicht, in ihnen seinen Antisemitismus zu unterdrücken. In allen seinen in Betracht kommenden Erzählungen <»Dreißig Jahre in Razov«, »Drzislav und Kazimor«, »Die Wahl des Deklarantenabgeordneten« und andere) tritt der Jude als Bösewicht auf. Seine guten Eigenschaften, wie Sparsamkeit, Fleiß, Lernbegierde, werden ihm zum Bösen ausgelegt. Sie entspringen bei ihm keinen ethischen, sondern habgierigen Motiven. Der Jude kommt gewöhnlich als armer Teufel mit einem Ranzen am Rücken ins Dorf, nistet sich bei irgendeinem Bauern ein, dessen Mitleid er zu erwecken versteht, hausiert, bereichert sich, gibt dann das Hausieren auf und richtet sich ein Geschäft ein, gibt den Bauern auf Borg Branntwein zu trinken und bringt sie so in ein Abhängige keitsverhältnis zu sich,- er scheut sich nicht, gestohlenes Gut zu kaufen, sein Vermögen wächst von Tag 284

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