Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 282 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DER VATER VON MAX BROD Eine Episode aus dem Roman »Reubeni«, über den der Dichter folgendes mitteilt: »Seit mehreren Jahren arbeite ich an diesem ,Messiasroman aus der Renaissance', den ich vielleicht im nächsten Jahre vollenden kann. Dawid Räubenis öffentliches Wirken fällt in die Jahre 1524 bis 1552. Grätz behandelt diesen genialen Mann natürlich als Schwindler. Daß er das nicht war, sondern eine ganz überragende Persönlichkeit, meiner Ansicht nach einer der ersten weltlich orientierten Politiker der Diaspora, geht aus seinen Reisetagebüchern (Sefer neßioth) hervor, die kürzlich von Abraham Kahane (Warschau) vollständig ediert wurden. — Für die Jugend des Helden, der die folgende Episode angehört, benütze ich keine historische Vorlage.« Der Vater ist Gelehrter. Für Lebensunterhalt, ja Wohlstand sorgt die Mutter, deren Alteisenkram im Erdgeschoß guten Ertrag bringt. Simson Lemel, der Schreiber, so wird der Vater in der prager Judenstadt genannt. Er schreibt Thorarollen,- mit besonderer Vorliebe aber schreibt er die heiligen Verse für die Tefillin die Denkriemen, die man beim Morgengebet an Stirn und linke Hand befestigt. Er schreibt, weil es ihm Freude macht, bei Erfüllung eines göttlichen Gebotes behilflich zu sein. Den Entgelt seiner Arbeit gibt er den Armen, — neben dem Zehnten seines Einkommens, der ohnehin den Armen gehört. Sein ganzes Leben ist dem Preise des Schöpfers gewidmet. Keinen Augenblick vergißt er, daß er vor dem König aller Könige steht, dessen Herrlichkeit die Erde voll ist. Am Morgen erhebt er sich wie ein Löwe zum Dienste des Herrn. So raten es die Weisen. Gleichsam ungeduldig stehe man auf, voll Feuer und Kraft, als wolle man die Morgenröte wecken. Der Verlauf des Tages ist in den heiligen Schriften genau vorgeschrieben. Simson Lemel kennt den geweihten Inhalt jeder Stunde. Es gibt nichts, was nicht zu seiner Zeit geboten oder verboten wäre. Hiedurch steht alles im Zusammenhang mit dem Herrn der Welt. Das Anziehen des Hemdes wie die Reihenfolge, in der man die Schuhe anlegt und die Schuhschnallen schließt, ist durch Überlieferung geregelt. Gottes gedenkt man beim Essen wie beim Trinken. Alles geschieht um seinetwillen. Selbst wer nur die Verrichtung der Notdurft verzögert, übertritt schon das Verbot, sich nicht zu verunreinigen. Er hat den Menschen als ein Wunder geschaffen, den der Mensch gleicht einem Schlauche voll Luft — und wiewohl dieser Schlauch Öffnungen hat, entweicht die Luft nicht, sondern läßt sich zurückhalten. Es ist offenbar vor dem ruhmvollen Throne des Herrn, daß das Leben des Menschen sich nicht eine Stunde lang erhalten könnte, wenn nur eines der hohlen Glieder geschlossen oder eines der geschlossenen geöffnet würde. Deshalb gedenke der Mensch seines Erhalters. Deshalb trägt er Schaufäden an seinem Leibe, vorn zwei und hinten zwei, damit er gleich^ sam von Geboten umringt sei. Wenn Simson Lemel an seine tägliche Beschäftig gung, das Schreiben der Denkriemenverse geht, hat er die zahlreichen hierauf bezüglichen Vor= Schriften vor Augen. Kein Buchstabe darf den anderen berühren, jeder muß von einem freien Raum umgeben sein. Die Buchstaben sind dick zu schreiben, damit sie nicht frühzeitig wieder verwischt werden. Die Innen= und Außenseite der Buchstaben schön abzurunden ist ein gutes Werk. Wiewohl nach einer milderen Ansicht jede schwarze Tinte erlaubt ist, mag sie Gallnuß enthalten oder nicht, legt sich Simson Lemel seit jeher die Strenge auf, nur mit Gallnußtinte zu schreiben, die mit Holz^ oder Ölruß vermengt ist. Das Fell, aus dem das Pergament bereitet ist, muß mit Gallnuß oder Kalk und einzig und allein zum Zwecke der Erfüllung des Denkriemengebotes gegerbt werden. Kein Buchstabe darf durch ein Löchlein in zwei Teile geteilt sein, jeder Tintenfleck kann das Geschriebene unbrauchbar machen, denn es ist verboten, im Inneren eines Buchstabens zu radieren. Äußerste Sorgfalt wendet Simson an. Denn sind die Denkriemen auch nur mit dem geringsten Fehler behaftet, so versäumt Der, welcher sie anlegt, täglich das Gebot des Anlegens und die Sünde fällt auf den Schreiber zurück. Daher muß der Schreiber sehr gottesfürchtig und in Sachen der Gebote ängstlich sein. So oft der Gottesnamen vorkommt, muß er sagen, daß er diesen Namen in der richtigen Absicht als Gottesnamen niederschreibt. Auch achtet Simson besonders darauf, die Zeilen gleich und jeden Buchstaben deutlich wie 282