Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 277 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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RUDOL F FUCHS VON WILLV HAAS Er ist unter den neueren Dichtern zweifellos einer der reinsten Melodiker. Man möchte sogar sagen: er ist der reinste Melodiker der Trauer, ähnlich wie etwa Werfel der reinste Melodiker der Lust ist. In wieviel wechselnde Melodien hat er seine Trauer bewältigt! Da ist der donnernde Ausbruch des Gotteskämpfers,- ein langer, tief=süßer Gesang des klagenden Menschen unter dem rätselhaften Sternenhimmel,- eine dunkeUwallende Trauerdraperie von beinahe pompösem Wurf,- da ist die stumme Starrheit des in der Trauer Erstarrten und der Taumel des von irrsinniger Trauer Trunkenen . . . Da ist Alles, jederlei Trauer, alle Arten von dieser Gottesgabe ,• die Trauer des Menschen und die Trauer der Landschaft,- der ungeheure Schmerz, und das ganze ungeheure Glück der Trauer,- tausendfach, süß und bitter, dumpf und hell, klirrend und klagend . . . Immerhin herrscht sozusagen die klirrende, dumpfeiserne Melodie vor, die gepanzerte Balladenritterweise, der eherne Urmythologieton. Das ist ein wenig erstaunlich. Rudolf Fuchs ist gewissermaßen einer der hilflosesten Panzerritter der ganzen neueren Weltliteratur, einer der schüchternsten Dreinhauer, oder, umgekehrt: einer der steilsten Zerbrochenen. Keineswegs, niemals, ja nicht einen Atemzug lang ist er etwa lächerlich — auch nicht einmal donquixotesk-lächerlich (wunderbar geheiligt durch die rührend dünne Kinderstimme des Ritters von La Mancha) — — nein, das alles ist er nicht, nicht ganz... Vielmehr, es starrt hinter allerlei heroischer Desperation ein wirklich nicht mehr zu Tröstendes aus verzweifelten Augen an,- ein vollkommen hoffnungsloser Urzustand irgendwo tief unterhalb eines fast peinlichen herrisch=schmerzlichen Rhythmus ,- die Wahrheit, die furchtbare Wahrheit hinter der Lüge — die doch wieder mit jener fast identisch ist. Man denkt: Dynamik, Rhythmik ist ein Akt nihilistischer Formsehnsucht, Realitätssehnsucht,- Koloristik dagegen Ekstasensehnsucht des erkaltenden Ausgeformten. Nun denn: Rudolf Fuchs ist ausgesprochen musikalischer Rhythmiker — Werfel ist eher das Gegenteil, rhapsodischer Kolorist. <Fragen der sogenannten »Rangstufe«, die schließe lieh Jeder, Leser wie Hörer, mit sich selbst abzumachen hat, werden hierdurch nicht berührt.) Was für Rhythmen? Man fühlt beiläufig irgend^ einen ringenden Jakob, einen klagenden Jeremias, einen hadernden <nicht den geduldigen) mit Gott hadernden Hiob, einen zart-keuschen Joseph, einen Simson, einen schwarz gepanzerten tumben Parzival, auch einen braven Ritter Toggenburg . . . alles in allem prävaliert unbedingt die alttestamentarische Atmosphäre, eine biblische Welt der Menschen und der Metaphern, eine spezifisch jüdische Gottgebundenheit. Dieser Ringende mit sich selbst ist ein Ringender mit seinem Judentum . . . um sein Judentum. Er macht sich seinen Gottesglauben nicht leicht: ist nicht gerade dies unsere edelste Seelen^ erbschaft, daß wir uns unseren Gottesglauben (zum Unterschied von allen Anderen) niemals »leicht gemacht« haben? Fuchsens Lyrik hat mit landläufiger Dichtung nichts gemein,- seine Lyrik ist nicht ihre, wie sein Schmerz und seine Freude mit ihren Schmerzchen und mit ihren kleinen Freuden nichts gemein haben. Selten trat das Jüdische des Erlebens so gewaltig aus deutscher Sprache hervor und seU ten, fast nie, ward sie jüdischem Fühlen so Untertan wie in den immer jüdischer, immer östlicher werdenden Gedichten dieses zufälligen in Prag Geborenen. Er, der bei der Lasker-Schüler angefangen und bald sich erreicht hatte, wird weiterwachsen, über sich hinaus, in jene prophetischen Einsamkeiten, aus denen der Dichter das Tiefste seiner Seele reißt, es der höchsten Ekstase vollendeter Hingabe zu bieten. Würde Fuchs hebräisch dichten, dann gäbe es zwei große Dichter im heutigen Judentum: Bialik und Fuchs. HoefliA. ]ÜD. RATHAUS UND ALTNEUSCHULE 277