Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 276 (sequence 47)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133284--339-3133645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
AUS DER WELT DER CHASSIDJM Chassid unter Chassidim ist. »Dann und wann, so erst letzte Woche, kommen Bauern mit ihren Kindern aus den Gebirgsdörfern und lassen sich beschneiden,« erzählte man mir . . . Der Chassidismus ist noch nicht tot. Ganz stark fühlte ich es und als die Chassidim ihres Rebbens Niggen sangen, wußte ich zweierlei: Jeder Mensch muß seinen Rebben haben und jeder Mensch muß seinen Niggen haben, in diesem oder in jenem Sinn. Einen Rebben aber, der i h m gibt, und einen Niggen, der aus ihm singt. Einfacher liegen die Probleme droben in den Bergdörfern, wo die Bauernjuden zwischen den Russinen wohnen. Einträchtig leben und arbeiten dort die beiden Völker miteinander und hungern gar ein* trächtig zusammen. Hier lebt jener genügsame starke Schlag Juden, der von Kindheit an mit Feldarbeit, mit Forstarbeit und mit dem Hungern vertraut ist, ein für Palästina sehr wichtiger Zweig des Volkes, auf den man sonderbarerweise in allen Palästinakalkulationen, soweit sie greifbare Formen annehmen, vergißt. Diese karpathenrussischen Bauernjuden dürften, was körperliche Eignung, Kenntnisse und Lebensgewohnheiteh betrifft, mit dem kurdischen, bucharischen, kaukasischen Bergjuden beiläufig auf einer Stufe stehen. Sie dürften wie diese mit der Zeit, mit dem Fortschreiten der kapitalistischen Produktionsweise in diesen weitabgelegenen Gebieten, ins Lumpenproletariat hinabgestoßen werden, von dem sie heute nur ihre dem Cheder und der Überlieferung entstammende geistige Höherwertigkeit trennt. Wie lange aber Cheder und Tradition, selbst wenn sie, als religiös, noch so tief verwurzelt ist, der Atomisierung der primitivsten Lebensmittel Einhalt tun werden können, ist eine andere Frage, eine Frage, fürchte ich, nur kurzer Zeit. Eines ist dort oben sicher in eminenter Gefahr. Entweder das Judentum oder die Judenheit. Oder Beide. Alles in allem: Karpathenrußland ist ein jüdisches Land, das heißt ein Land, wo es relativ viele geschlossene Judensiedlungen gibt, und wo es den Juden besser vielleicht als in irgendeinem Lande Mitteleuropas geht, aber es ist kein Judenland, es ist Galuth im nationalen, aber auch im geistigen Sinne. AUS DER WELT DER CHASSIDIM VON CHAJIM BLOCH DIE KRAFT Rabbi Mordechaj von Tschernobel sprach: »Ich glaube fest, daß die Fülle der Heiligkeit, die der Baalschem über die Welt strömen ließ, die Kraft habe, in das Herz der Juden, bis ans Ende aller Generationen zu dringen und in ihnen den Willen zur vollkommenen Umkehr zu wecken. Dann aber wird der Messias erscheinen.« DIE SEELE Ein Schüler des Baalschem bezeugte, daß des Baalschems Seele bei der Schlangensünde des Adam, in dem alle Seelen, die in das Erdenleben zu kommen haben, eingeschlossen waren, entflohen war und daher von der Sünde nicht befallen sei. Rabbi Hirsch von Zydaczöw erzählt: »Des Baalschems Seele habe sich gescheut in das Erden* dasein niederzusteigen, da gab man ihr sechzig Seelen von heldenhaften Jüngern, die einst das Lager des König Salomos umstanden, in die Welt mit und sie willigte ein.« DER EWIGE GOTT Wenn der Baalschem von einer Reise nach Hause kam, pflegte er die Schulden zu bezahlen, was aber übrig blieb, unter Arme zu verteilen. Die Nacht über durfte keine Münze im Hause sein. Einmal warf ihm die Frau vor: »Wo werden wir morgen Geld nehmen, um Brot für die Kinder zu kaufen, wenn du keinen Groschen im Hause läßt?« »So lange,« antwortete er in fröhlicher Stimmung, »der ewige Gott lebt, haben wir nicht zu sorgen und es wird uns an Brot nicht fehlen.« 276