Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 275 (sequence 46)
- Language
- German
- Belongs to
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KARPATHENRUSSISCHE NOTIZEN sichten und persönlicher Vorteile. Dies besonders in Karpathenrußland, denn hier beginnt eine Assimilation, die, wenn auch noch nicht so erkennbar wie im Westen, ungleich schrecklicher, ungleich gefährlicher ist, denn hier assimiliert sich das Zentrum des Galuthjudentums, und zwar nicht an ein anderes Volk, sondern an Europa, an den Geist Europas: die einzige Assimilation, die das Judentum gründlich zerstören kann. Ein anderes Problem: Masaryk und Benes stehen dem Judentum, dem nationalen Judentum, sympathisch gegenüber, Andere aber, sonderbarerweise Sozialdemokraten, weit weniger. Diese Andern aber haben für Karpathenrußland jüngst eine neue Formel gefunden: »Durch die Juden zum Volk«. Durch die armen Bauernjuden, die natürlich ihre Kinder lieber in die letzthin eröffneten zwölf tschechischen Volksschulen, in denen man kein Schulgeld zahlt, schicken, als in die hebräischen Schulen, die auf das Schulgeld angewiesen sind. Selbstverständlich wird die Situation gelegentlich auch grotesk. So in Vulchowc, wo unter dreiundvierzig Schülern zweiundvierzig Juden sind. Alle Hochachtung vor den humanitären Regierungsprinzipien der Republik, aber heißt das nicht Verlevantienerung der Juden treiben? Freitag Abend bei Reb Menascheh, dem Zyda« czower. Hundert Chassidim etwa, an zwei Tischen und zwischen ihnen, oben auf erhöhtem Platz, Reb Menascheh, ein nicht sehr alter Mann mit einem unendlich gütigen Gesicht. Aller Augen hängen an seinem Mund und Aller Herzen schlagen mit dem seinen. Hier, nach langem wieder, fühlte ich ganz stark den Begriff der Gemeinschaft. Hundert Menschen, Einer steht für den Andern ein und Alle für den Einen. Die vor zwei Stunden noch feilschten und um ein Stück Tuch in Ekstase gerieten, stehen schweif gend hier, hingegeben aus tiefster Seele vor dem Mittler, den sie aus tiefster Ehrfurcht lieben und von dem sie doch eine unübersteigbare, wohlbewußte Mauer trennt: die Heiligkeit. Der heilige Rebbe! . . . Es ist mehr, es ist tiefer, es ist unendlich demütiger der Sinn, der in diesem Anruf liegt, als aller Sinn, den je irgendeine Kirche in die Welt gesetzt hatte. Der alte Mann, der nichts von Politik weiß, nichts von den Problemen, die die andern, reichen Zaddikim bewegen, hebt langsam die Hand: leises Flüstern verkricht sich und es ist, als würde das Schweigen der Ehrfurcht durch den Raum schreiten. Er beginnt zu erzählen. Leise, mit geschlossenen Augen, mir, der ich am andern Ende der Tafel sitze, fast unhörbar, zieht er ein Gleichnis nach dem andern und wenn er abbricht, sinken die Köpfe der Chassidim — der Anblick der Versammlung für Den, der unvorbereitet in sie hineintritt muß erschütternd, überwältigend sein — sinken nachdenklich die Köpfe dieser Menschen, die vor zwei Stunden noch feilschten und um ein Stück Tuch in Ekstase gerieten, immer neu erschüttert nach vorne. Der Rebbe beginnt zu essen. Man bedient ihn, nein, nicht ihn, den Menschen, sondern das Gefäß der Heilige keit, wie einen Fürsten. Er ißt und gibt den Chas^ sidim von seiner Speise. Wenig ißt er und alle Chassidim essen aus seiner Hand. Europa liegt hinter uns,- wir sind Juden, einen Augenblick lang wieder Juden. Und wir denken nicht daran, daß dieser Chassidismus heute schon erstarrt ist, daß er ein geringes Abbild seiner einstigen Größe ist, denn wir fühlen in diesem Augenblick wieder seine ganze Größe und die wahre warme Lebensechtheit seiner ganz großen Zeit und die Ehrlichkeit und die Demut, die von diesem Mann auf uns ausströmt . . . Da ich hinausgehe, zeigt man mir einen baumlangen Chassid mit Schläfen^ locken, die mit seiner Körpergröße wahrlich in Einklang stehen. Sonderbar slavisch ist sein Gesichtstypus. Es ist ein ehemaliger Oberleutnant, der zum Judentum übergetreten ist und nun an Rebbens Hof ein JUDE AUS KARPATHENRUSSLAND 275