Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 274 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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KARPATHENRUSSISCHE NOTIZEN KARPATHENRUSSL AN D JÜDISCHE BAUERN meinde, den Schülern der Lehrwerkstätte die Möglichkeit zu geben, des Abends Talmud zu lernen oder die Bedrohung eines Chassids mit dem Bann, der seinen Jungen in die hebräische Volksschule geschickt hatte — all dies und noch recht viel mehr läßt an der Menschlichkeit dieser Jünger des großen Baal schem ein wenig zweifeln. Doch nein: nichts notieren, nichts vorwerfen! Eins tut not, wahrlich bitter not: Einigkeit, unter jeder Bedingung Einigkeit, Entgegenkommen, Kompromisse, Konzessionen, denn das Judentum ist in Gefahr, heute, wie noch nie. Nie noch umklammerte uns der westliche Tod mit solcher Gewalt, nie noch war es ihm gelungen, so nahe an unser Herz zu kommen, wie in diesen Tagen. Gerade dort oben in den Bergen der Karpathen, wo das Judentum so stark zu sein scheint, wo es jüdische Städte, jüdische Bauern, jüdische Mächtige gibt, gerade dort sitzt die größte Gefahr, die der Zersetzung von innen heraus. Ist es nicht irrsinnig, daß dort die besten Kräfte im Kampf Aller gegen Alle verzettelt werden, im Kampf um Problemchen und um Probleme, die guter Wille auf der gemeinsamen Basis der Religion leicht lösen könnte? — Aber — und hier scheint mir eine Lösung des Grundproblems zu liegen — nicht die Gruppe ist schuldig, sondern der Einzelne. Nicht die Zionisten sind schuldig für Hans Herzl — den man mir immer und immer vorwarf, als hätte ich ihn getauft — und nicht der Chassidismus ist schuldig für die Tat eines Rebben, der um seine Machtstellung bangt. Haß muß abgebaut werden. Der Chassidismus war der große Erneuerer des Judentums und der Zionismus kann, wenn er sich der religiösen Verankerungen des Judentums bewußt ist, der Erneuerer des Chassidismus werden. Nicht die Gruppe ist schuldig. Immer mehr komme ich zu dieser Ansicht. Nur der Einzelne. Bei den Zionisten Der, der sein Programm falsch versteht, und bei den Chassidim dieser oder jener Rebbe. Ihm ist der Kampf gegen den Zionismus ein verzweifelter Kampf um seine persönliche, um seine wirtschaftliche Machtstellung, Kampf ums Dasein letzten Endes. Der Kampf ist, wenn man ihn richtig besieht, objektiver als man es zu tun gewohnt ist, ein ins Geistige umgebogener Kampf um sehr wirtschaftliche Dinge — wenn auch bei manchem der Rabbanim keineswegs die Furcht vor einer Entfernung des Judentums von der Religion geleugnet werden darf — denn weder ist hier der Zionismus a= oder antireligiös, noch ist der Chassidismus a= oder antinational. Die Masse, Bier wie dort, ist jüdisch, einfach jüdiscß. So ward dieser Kampf zu einem Kampf einer recht eng gezeichneten Gegenwart gegen eine möglicher^ weise eintretende Zukunft. An uns, die wir Gegenwart sind, ist es, unsere Zukunft so zu gestalten, daß sie eine jüdische werde, für Alle, denen das Judentum mehr ist als der enge Kreis persönlicher An^ 274