Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 273 (sequence 44)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3139318-3133277-3133284--336-3133642- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
KARPATHENRUSSISCHE NOTIZEN manchmal fliegen auch Steine durch die Luft und die Polizei bemüht sich nach zwei, mitunter auch nach drei Fronten hin unparteiisch zu sein. Da gibt es Angelegenheiten, die den Hof eines Rebben allein betreffen, Privatprobleme des Rebben und seiner Chassidim also, dann solche zwischen zwei chassidischen Gruppen und schließlich solche zwischen den Chassidim und den Zionisten. Am dritten Tage meines Aufenthaltes war mir noch nicht alles unklar. Aber ich war am besten Weg dazu. Von den Problemen »in Rebbens Hoif« sei nicht gesprochen. Es sind Angelegenheiten, die für gewöhnlich nicht über die Schwelle des Hofes treten. Anders schon ist es mit den Problemen, besser Kämpfen zwischen einzelnen Gruppen. Wehe der Stadt, in der zwei Mächtige sitzen,- dann kommt es zum Kampfe, zu einem Kampf, der an Rüoksichtslosigkeit, an Erbitterung und mitunter an List und Hinterlist nicht zu über^ bieten ist. Dann werden alle Kampfmittel vom kleinsten bis zum größten, vom wirtschaftlichen Boykott bis zum furchte baren,feierlichen,niederschmetternden Boykott der Synagoge in Aktion gesetzt: Einer muß unterliegen! Einer muß das Feld räumen und die Regierungsbehörden müssen den Unterliegenden mit Militärmusik zum Bahnhof geleiten. So siegte hier der eingesessene munkäcserRebbe gegen den im Krieg hierhergezogenen Beizer. Schwer war der Sieg erkämpft, aber er wurde erkämpft. Feist und zufrieden leuchtet das Antlitz des »Munkäczer«, wenn er, begleitet von seinen Gabboim feierlich über den Markt schreitet. Schwarz und schwer ist die brokatene Bekesche über den weißen Strümpfen und mächtig überdeckt der breite Pelzhut das gewaltige Gesicht. Der Munkäcser ist heute ein großer Mann,- noch größer wäre er, wenn es keine Zionisten gäbe und kein hebräisches Gym^ nasium in seiner Stadt. In setner Stadt! Hebräisches Gymnasium! Wie das klingt! Etwas wie Trotz, Aufbäumen und Mut hört man heraus. Trotz und mutiges Aufbäumen gegen das Gestern einer bewußten, forzierten Assimilation, im Andenken an ein großes Vorgestern, das wohl im täglichen Gebet an die Tore des Himmels pocht, aber die HUSZT Tore der eigenen Herzen nicht mehr erreicht. . . Der Grundstein ist gelegt. Trotzdem der Andere Psalmen sagen und einen Fasttag proklamieren ließ, damit es regne am Tage der Feier. Von Ferne standen Chassidim und schauten zu, und ein paar, die eines besseren belehrt, die mit einem begriffen, daß wahrer Zionismus ohne jüdische Religion und jüdische Religion ohne Zionismus undenkbar ist, führten die Ziegel zum Bau herbei und verzichteten auf das Entgelt. . . Die Fassade habe ich gesehen. Säuberlich auf Ansichtskarten gedruckt wird bewiesen, daß der Zionismus noch immer Kunst mit Gesinnungstüchtigkeit verwechselt. (Eine Anfrage an die Herren, die für all den scheußlichen Kitsch verantwortlich sind, der hier und in Palästina im Namen der Renaissance des Judentums, das sich dagegen nicht wehren kann, mit dem biederen Grinsen künstlerischer Impotenz aufgestellt wird: muß wirklich jedes zionistische Gebäude entweder eine okzidentalgroßstädtische Kaserne übelster Fassion, oder aber das andere Extrem: ein gotisch=maurisch^kitschiges Vogelhaus mit Magen Dawid sein? Das munkäczer Gymnasium entschied sich fürs letztere, denn das erste ist ein Monopol Palästinas.) Nichtsdestoweniger: wenn es gelingt, Lehrkräfte zu finden, die das religiöse Empfinden der Bevölkerung — auch das der Zionisten! — nicht beleidigen, dann ist dieses Gynv* nasium, wie die Lehrwerkstätte und die Volkse schule, die zu sehen ich Gelegenheit hatte, eine erfreuliche Angelegenheit. Man muß nur verstehen, durch Taten den Chassidim klar zu machen, daß der Eventualfall, es könnte diese Schule einmal das Kind von der Religion entfernen, durchaus kein Anlaß sein kann, heute schon gegen sie zu kämpfen. Es kommt, wie gesagt, auf die Lehrer, auf ihren Geist und auf ihren Takt an. Aber: auch der andern Seite, dort, wo die Rebbes dirigieren, muß man ins Gewissen reden, denn die tausend Tschechenkronen, die sie einem Bocher anboten, der mit den Zionisten liebäugelte, mit dem Antrag, er möge sich die Pajes abschneiden lassen (um dieselben dann den Zionisten in die Schuhe zu schieben) oder die Weigerung der Ge= JÜDISCHE SCHULE 273