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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 272

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 272 (sequence 43)
Language
German
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JÜDISCHE SCHMIEDE JÜDISCHES BAUERNHAUS KARPATHENRUSSISCHE NOTIZEN VON EUGEN HOEFLICH Jüdische Stadt. Das ist der erste Eindruck von Mukacevo. Jüdische Kutscher in hohen Stiefeln, in halbbäurischer Tracht und mit langen Schläfenlocken. Anfangs scheinen Pferd, Tracht und Pajes nicht recht zueinander zu passen, aber bald gewöhnt man sich daran. Eilends, soweit eben die Straße Eile erlaubt, strebt der etwas fragmentarische Wagen der Stadt zu. Schilder über den Geschäften in drei oder vier Sprachen: eines der Probleme dieser Stadt. Eifersüchtiges Wachen, Demonstration für nationale Kultur und Sprache in jedem Atemzug des täglichen Lebenswie in allen Nationalitätenstaaten. Hier aber wird die Sache komplizierter, denn hier handelt es sich um Verteidigung des nationalen Besitzstandes in lateinischen, russischen und hebräischen Buchstaben. Schildermaler leben davon. Typisches Kleinstadtleben, das durch eine starke Jüdische Note eindeutig bestimmt ist. Anfangs sieht man überhaupt nur Juden in dem schon ein wenig orientalisierten Straßenleben. Später erst bemerkt man auch ein paar russinische Bauern aus der Umgebung und ganz wenige christliche Ortsinsassen. Sie kommen sich überflüssig vor. Dreiundsechzig Prozent Juden soll diese Stadt zählen. Ich hätte auf achtundneunzig geschätzt. — Freitag Vormittag: die Stadt bereitet sich auf den Schabbath vor. Geld kommt unter die Leute,- Melonen, Fleisch, Brot, Hühner wechseln ihre Besitzer. Was in der Woche erspart wurde, wird nun ausgegeben, der letzte jü^ dische Kutscher bereitet sich, König zu werden, König für einen Tag. Typisches Bazarleben, Rufe, unheimliche Beweglichkeit, Schreien, Feilschen, Hühnergackern, aufgebrochene Melonen, wie blutende Wunden, Pferdewiehern, endlich wieder yiddisch — wenn auch wahrlich kein allzu schönes yiddisch <läßt sich doch yiddisch eher vom Chinesischen als vom Magyarischen beeinflussen, ohne ein wenig grotesk zu werden) — und in der Mitte, ruhig und un* beweglich, der Polizist mit dem Gummiknüppel. Sechs Zaddikim, sage und schreibe sechs Zaddikim herrschen in dieser Stadt der Chassidim. <Warum auch nicht, wenn 42 Ärzte für dreißigtausend Patienten nicht zu viel sind?) Ihre Existenz birgt eine Fülle von Problemen und Kämpfen, die für eine ungleich größere Stadt hinlänglich genug wäre. Da sind einmal die allgemein politischen Probleme des Landes, von denen die mit wenigen Ausnahmen gerne politisierenden Rebbes ein wenig nippen. Sie würden genügen, um ein Parlament und mehrere Zeitungen zu ernähren. Lassen wir sie beiseite,• die innerjüdischen Probleme allein würden mehrere Parlamente mit Arbeit versorgen. Jeder Tag bringt ein neues, denn die großen, die Generalprobleme, teilen sich in Detailprobleme, diese in SpeziaU Probleme und diese wieder in Privatprobleme, die aber im Augenblick zu Generalproblemen werden und das Leben des Tages mit unerhörter Heftigkeit revolutionieren können. Dann kommt Feuer in die Augen der Chassidim, die Schläfenlocken fliegen, 272

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