Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 257

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 257 (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133284--321-3133627
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DREI TSCHECHISCH-JÜDISCHE DICHTER Person. Zwiespalt ist ihm Lirantrieb alles Geschehens. — »Kennst Du jene Sage,« erzählt Sankory im »Doppelgänger«, »der Mensch war ein Gebilde von Zweien. Aber die Götter teilten ihn zur Strafe und zerstreuten die Hälften in die Welt. Seit dieser Zeit sehnen sie sich nacheinander und suchen sich.« Ihr Ziel ist: »Zusammenwachsen in die volW kommene Einheit.« Der Wille, die Einheit zu erreichen, das verschwiegene und unfruchtbare Böse zu überwinden, welches wie Fluch auf seinem Leben lastet — der Wille ist es, welcher im Zentrum seiner Persönlichkeit steht und sich in ihr und über sie in geheimnisvollen Sdiwingungen ausbreitet. Nichts dringt daher in Weiners Werk unmittelbar ein. Extase, Begeiste^ rung, Hingegebenheit an die Welt werden bei ihm durch kein Wunder hervorgerufen, sondern der Wiffe macfit sie erst zum Wunder, welches dann sein ängstlieber Verstand zerlegt. Ein mystischer Rationalist ist Weiner. Und müssen wir erklären, was mystisch seinen wachen Intellekt durchschwingt, so nennen wir das verzerrte Grinsen der Rassen^ determination, die Grimasse des Raumes, in dem er eingeschlossen ist, und der ihn mit Unsicherheit füllt. Das Fletschen <so nennt er auch ein Buch) ist das treffendste Wort für den Eindruck, den wir aus seinem Werke empfangen. Das Fletschen des Schicksals liegt in ihm, stigmatisiert, spaltet und tötet: sei es der Fall eines Doppelgängers, unerforschte Schuld, rasende Stille eines Kriegstages, selbstmörderischer Schlag eines gebrandmarkten Menschen. Weiner, dessen Intention stärker ist als sein Ausdruck, meidet in diesen verwickelten Themen alles »Geistreiche«,- nicht einmal ein Paradox verführt ihn, das er die »Tugend der Not« nennt. Aus einer Analyse geht er zur anderen über, je mehr ihrer sind, desto mehr lebt er auf. Er liebt Komplikationen, so sehr sie ihn quälen. Geizig mit Bildern, ersetzt er sie durch Assoziationen mit ganz peripheren Vorfällen, welche gerade durch ihre Einfachheit dem Geheimnisvollen am nächsten stehen,- dem Geheim^ nisvollen, welches in seinem Innern liegt, sich über ihn breitet, das er innen Fluch und Fletschen nach außen nennt. IV Haben wir bei Weiner den Eindruck, wie wenn etwas mächtig Erglühtes sich schwer durchdrängen wollte und nicht durch die graue und kühle Decke, die der Norden auf seinen Geist und sein Herz legte, durchdrängen kann, empfinden wir bei Franti§ek Langer das Gegenteil, wo wir unter brennender Oberfläche seiner leidenschaftlichen Prosa kalte Kühle empfinden, der es manchmal in Konstruktion und Effekt nicht an Berechnung fehlt. Sei es, daß wir OTTO GUTFREUND FARBIGE BILDNISBÜSTE an sein erstes Novellenbuch, »Die goldene Venus«, oder an das zweite, »Träumer und Mörder«, denken. Frantisek Langer ist aus dem Neoklassizismus hervorgegangen. Mit dem Bestreben nach Handlung brachte er sich in die Literatur fast orientalische Vorstellungskraft mit, die nicht mit Farben spart, besonders dort, wo es sich um Eros handelt. Etwas Instinkthaftes trieb ihn dazu, Weib und Liebe nicht mit Komplikationen zu beschweren, sondern mit ihrer Hilfe Komplikationen zu lösen, die das Leben selbst bringt. Keinesfalls kann man hier von loser Moral sprechen, mit der er Eros auffaßt, dessen privilegierter Sinn bei ihm nicht nur die Brunst ist. Langer ist geborener Epiker, sorgfältiger Stilist, kunstvoller Wertschätzer des Wortes und der Handlung. Die äußersten Konstruktionen, mit denen er seine Novellen stützt, brachten ihm denselben Vorwurf ein, wie Jakob Wassermann in der deutschen Kritik. Der Reflex des Hohen Liedes ruht auf manchem seiner Prosastücke. Ja, er gehört zu Denen, die sagen können: »Sie hing an meinen Lippen wie die Biene an einer Honigblume, wie das Zicklein am Euter der Mutter.« Ähnliche Wendungen finden wir mehr in seiner »Goldenen Venus«. Aber wir finden dort auch das, was an Mode erinnert, an bourgeoise=jüdische sogar, die mit der »christlichen Sendung« kokettiert und ihren Ausdruck im Neokatholizismus fand. Deshalb begreifen wir Stellen 257

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.