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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 258

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 258 (sequence 30)
Language
German
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DIE JUDEN wie diese: »ich sagte mir: Reicher ist, wer Reichtum nicht verlangt, als wer ihn verlangt, aber selbst ihm verfällt.« Um so klarer ist es uns, daß Langer ein Drama, »Der heilige Wenzel«, schrieb, an dessen Titelhelden, der der heidnischen Welt untere liegt, er alle Möglichkeiten der Lehre von Nazareth erprobt. Unzweifelhaft hätte er die Möglichkeiten der Liebe und Verbrüderung auch im Judentum und in jüdischer Welt gefunden — doch hier berühren wir das, was Max Brod Franz Werfel vorwirft. Wo er in seinen Arbeiten episodenhaft den jüdischen Menschen erwähnt, schildert er den guten Vater, der Streben nach Geld und Verdienst durch Familienzwecke rechtfertigt. Als Gegensatz hiezu schuf er sein Drama »Die Millionen«, in dem er einen Unternehmer zeichnet, der Geld um Geldes willen zusammenrafft und in Manie endet. Doch dieses Stü ck gehört Langers Vergangenheit an und bildet bloß ein Glied in seiner Entwicklung, für welche sein Lustspiel »Das Kamel geht durch das Nadelöhr« charakteristischer ist. Hier ließ sich der feinfühlige Künstler von dem Strome der Volkstümlichkeit hinreißen. Wohin er ihn tragen wird, ist eine Frage, welche die Zukunft beantworten wird. Denn Langer ist von Denen, die wir als den Zeitströmungen nachgiebig bezeichnet haben. V Fischer, Weiner, Langer, drei Namen: vom tschechischen Standpunkt aus fraglos ein Versprechen, vom jüdischen bloß Beleg. Ihre Beziehungen, soweit sie bewußt sind, galten und gelten dem tschechischen Milieu. Fischer, der dem Judentum am nächsten, und doch es mit größter Bewußtheit flieht, sucht stets diese Beziehung, um sie für eine Weile zu finden, sie wieder zu verlieren und wiederum zu suchen. Langer kämpfte um seine Annäherung zum tschechU sehen Volke als Soldat der tschechischen Auslands^ armee in Rußland — vielleicht kam er ihm deshalb am nächsten. Und Weiner? Seit Jahren in Paris, braucht vielleicht gleich Heine die fremdsprachige Umgebung, um sein nationales Gleichgewicht zu behalten. Dies als Bemerkung, die nicht bedeutungslos für ihr Werk ist, in welchem dreifach verschieden das gemeinsame Blut zum Vorschein kommt. DIE JUDEN (GEDANKEN ÜBER DIE TSCHECHISCFUJÜDISCHE FRAGE; BRUCHSTÜCK, UNVOLLENDET, i8S6> VON SVATOPLUK CECH Ich schritt über den alten jüdischen Friedhof. Obgleich er gerade nicht in seine Pracht, ins Maienkleid aus Fliederblüten gekleidet war, machte er dennoch auf mich einen tiefen, poetischen Eindruck. Und wie ich zwischen der Menge bemooster Grabsteine mit hebräischen Inschriften dahinwandelte, vielfach schon kaum lesbar, und mit den eingehauenen Symbolen der verschiedenen jüdischen Geschlechter versehen, kamen mir Gedanken über das Schicksal dieses unglücklichen Volkes. Vertrieben aus seiner alten Heimat, mit welcher es alle Erinnerungen seiner ruhmvollen und glückliehen Vergangenheit verbinden, zerstreut in der weiten Welt, sucht es sich eine neue Heimat zwischen einem Volke, das mit Haß und Verachtung auf die beklagenswerten Heimatlosen herabblickt, durch seinen fremdartigen Typus abstößt und sich zu einem verhaßten Glauben bekennt. Wie ein Dieb mit scheuem Blicke schleicht es sich zwischen ihm ein, wird eine Weile aus Gnade geduldet,- dann treibt man es wieder von Ort zu Ort, erweist ihm Haß und Schmach, deren Zeichen es auf einer demütig^geneigten Stirne tragen muß, weder seines Besitzes noch seines Lebens sicher, das alle Augenblicke von den Aus^ brüchen eines wilden Fanatismus bedroht wird — und so stellt sein Dasein eine ewige, mühevolle Verteidigung gegen jene feindlichen Mächte dar, in deren Mitte es schwach, verlassen und wehrlos dasteht. Und siehe! Dieses Volk hat standgehalten. Ganze, große Völker verschwanden von der Erdoberfläche, aber das verstreute, schwache, bedrückte Judenvolk hat sich trotz tausendjähriger Plage inmitten der fremden Völker erhalten. 258

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