Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 256 (sequence 28)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133284--320-3133626
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DREI TSCHECHISCH*JÜDISCHE DICHTER Im Sturze der Begebenheiten und Augenblicke, inmitten der Wirre, im Konflikt zwischen Traum und Wirklichkeit, sucht Fischer, wie sein Held aus dem »Horologium der Welt«, »einen — einzigen — festen Punkt!« und weiß mit seinem »Zauberer«: »Nur einen Punkt zu kennen, der im Weltall fest — und dann bewegt mein Wille das Sternen^ ge wölbe.« Einen festen Punkt, Boden unter den Füßen! — das ist die Tragik des Unverwurzelten. Hier beginnt sie und hier endet sie. III Richard Weiner ist aus dem Geschlecht der Analytiker. Die Zerlegung des Empfundenen und des Geahnten, Bewegung und Verwicklungen geheimnisvoller Seelenzustände bilden die Grundläge seiner Erzählungen und beschweren seine Lyrik. Er wurde einst als literarischer Kubist bezeichnet, obzwar er in der tschechischen kubistischen Generation, der auch Karel Capek angehört, eine Sonderstellung einnimmf. Es genügt Weiner neben Capek zu lesen, um den grundlegenden Unterschied der Betrachtungsweise herauszufinden, welcher von dem verursacht wird, was im Grunde von Weiners Seele ruht und Rasse heißt. Zwischen den Zeilen können wir von ihr erfahren,- denn nicht aus seinem Bewußtsein OTTO GUTFREUND kommt sie, sondern aus dem Unterbewußtsein. Weiner ist ein Instrument, das nicht weiß, wer es anschlug. Deshalb ist das, wovon er klingt, von so unberührter Reinheit, obwohl jüdisch dekadent. Ununterbrochen schreckt ihn etwas, eine geheimnisvolle Schuld, mystischer Determinismus beunruhigt und trübt ihn. Daher ist seine Atmosphäre so drückend wie vor einem Gewitter, nach dem wir umsonst die Klarheit des Regenbogens erwarten, daher seine Sprache so kompliziert und sein Blidt so schwer durchdringend. Beängstigend wirkt er auf uns: hier entspringt wohl auch seine analysierende Methode, die <wohl im Äußeren dem Kubismus ähnlich) doch notwendig seinem Wesen entspringt, seinem Wesen, welches aus Angst vor Hinterhalten, die es überall ver* mutet, den Blick zwingt, jedes Winkelchen zu durchsuchen und durchzustöbern, ob dort nicht etwas lauert, etwas droht . . . In seinen Erzählungen, in denen graues Nerven^ geflecht liegt, verhalten sich so alle Leute. Sie sind blutlos und ohne Differenzierung. Alle sprechen gleich kompliziert. Es gibt nirgends eine direkte Rede, die durch Biederkeit, Philosophie des schlichten Menschen gefärbt wäre <durch die sich eben manche Gestalten Capeks auszeichnen). Der einfache Mensch ist hier höchstens identisch mit dem erstaunten Menschen, der schon durch den Reflex von Weiners Milieu wieder kompliziert wird. Zumindest kompliziert in seinem stummen Erstaunen über das Geheimnisvolle, vor welches ihn der Dichter stellt. Zusammenfassend: seine Menschen sind passiv, die Handlung ist hier nicht ihret* wegen, sondern sie der Handlung wegen. Dies könnte auch die Erklärung dafür sein, warum Weiner bisher nicht zum Roman sich durchrang. Er führt immer zwei Leute vor, die voneinander abhängig, ihre Abhängigkeit einander verheimlichen und damit einen fast pädagogischen Zweck verfolgen: »O, wie wollte ich, Du mögest mir niemals dankbar sein für meine Obhut, sondern Du mögest glauben, daß Du ohne meine Hilfe höher und höher gelangst,- Du mögest an Deine Kraft und Deinen Willen so fest, so glutvoll glauben, wie daran, daß Du mich liebst,« das ist der Wunsch der Mutter, die sich über den Wagen ihres Söhnchens beugt. Ein bedeutungsvolles, doch unausgespro^ ebenes Verständnis liest der kleine japanische Equilibrist in den Augen seines Vaters, der ihm die Leiter hält, auf welcher er seine halsbrecherischen Kunststücke vollführt. Dort aber, wo sich diese Abhängigkeiten unverhüllt und offen ansprechen, dort entsteht ein Haß, dort verwandelt sich das Einverständnis in Kampfnotwendigkeit, welche oft bedeutet: Wer von uns Beiden? Weiner ist Dualist. Die Zahl zwei ist nicht nur Grundlage seiner Erzählungen, MASKE sondern auch Funktion jeder einzelnen 256

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.