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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 255

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 255 (sequence 27)
Language
German
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DREI TSCHECHISCH-JÜDISCHE DICHTER VON FR. GOTTLIEB I Drei Typen sind es, die die Teilnahme der Juden an den europäischen Literaturen verkörpern, soweit es überhaupt möglich ist, das Geschlecht der Dichter zu kategorisieren: lyrisch singhaft, atavistisch befangen und Zeitströmungen nachgiebig. Allzubekannt ist der erste Typus: an seiner Wiege stand Heine mit zerfahrener Ironie und schmerzhaftem Krampf, gekleidet in nervös=glatter Melodie. Das schwere Wort charakterisiert den zweiten,- eine gespannte Atmosphäre, manchmal von Blitzen durchzudtt, ist sein Bezirk. Pessimismus quillt hier neben prophetischer Wucht, jüdische Negation neben jüdischer Bejahung-, alles abhängig davon, wie weit Rassenhaftes aus dem dumpfen, unbewußten Zustand heraufdrang, ob es als Fluch oder Weihe empfunden wurde. Und der dritte Typus? Hieher gehören jene bekannten Neuerer, welche sich mit Wort und Werk der neuen Richtungen annehmen: Eigenwilliges berührt sich da mit Mode, Geschmadt mit Geschmacklosigkeit, persönlich Betontes mit Hang zur billigen Volks^ tümlichkeit. Betrachten wir die jüdischen Erscheinungen in der tschechischen Literatur, so können wir, ohne Gewalt anwenden zu müssen, als Beispiele für die obige Einreihung und Reihenfolge die Namen Ottokar Fischer, Richard Weiner und Frantisek Langer anführen. Es soll bemerkt werden, daß diese drei Namen auch die Zahl der wirklichen und vollen Künstler erschöpfen, welche die Juden bisher der tschechischen Literatur gaben. Sprachlich=politische Motive sind Ursache dieses Mangels. II Am Anfang von Fischers Schaffen war das rhythmische Wort, während sein Geist über den Abgründen des eigenen Innern schwebte. Fischer ist Individualist, gebannt und sich selber bannend in den Umkreis seines Ichs. Sein Element ist Unruhe, bedingt durch drei Tatsachen: das Meer als Symbol der Bewegtheit des Lebens, das Weib als Bindeglied zwischen Gut und Böse, die Rasse als Antrieb, Qual und Erblast. So offenbart er sich in sechs lyrischen Sammlungen, von denen die ersten drei seine Persönlichkeit andeuten und die übrigen sie in voller Entfaltung zeigen. Dieses Werk wird ergänzt durch drei Dramen und wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gebiete der Literaturgeschichte, von denen die Bücher über Kleist, Nietzsche und Heine seine Wahlverwandtschaft verraten. Zwiespältigkeit ist ein Grundmerkmal Fischers. Zwiespältigkeit in Blids, Empfindung und Ausdruck: mit der Seele beginnend und der Welt endend. In zwei Elemente spaltet sich ihm jedes Ganze, und in seinen Adern rollt etwas Unstätes, Unzufriedenes, das ihn zum Kampfe treibt und nach erreichtem Sieg wieder abstößt. Das Grauen vor der Wirklichkeit, der Schreck vor der Ruhe führt seinen romantischen Blick stets in sich selbst zurück, zum ursprünglichen Standpunkt, von dem er sich kurz darauf auf neue Wanderung begibt: »Wieder Auseinandergehen. Rückkehr.Versöhnung.. Ende — Abschied — O Kreise!« so erklingt in einem Gedichte die Voraussage all seiner Wege. Jedes Wiedersehen ist für ihn eine Vorbereitung zum Abschied, für den er oft eine zu leichtfertige Begründung findet. Zu den Gräbern der Vorfahren zieht es ihn hin, er irrt zwischen den Steinen, und den Toten ist er am nächsten, wenn ihn die Stimme verführt: » Geh, verlasse dein Heim, blicke nicht zurück, stoße den Staub der Väter aus deinen Schuhen!« »Je näher der Stamm, desto abgründiger die Ferne« — »So oft ich wähnte, einen Bruder zu haben, stets von Fremdheit verwundet, bleibe ich doppelt allein.« Dies ist der Ausdruck seines sich Annäherns und Entfernens. Herakles gleich, dem Helden seines besten Dramas, steht er stets am Kreuzwege, überwindet Widerstände, um neue zu finden. Jedes Ringen macht ihn kampf begieriger, jeder Bissen hungriger. »Wandere!« ruft ihm jedes Verweilen zu, »liebe!« klingt es ihm aus jeder Enttäuschung, und das Lied von ewiger Rückkehr hört er aus jedem Abschied. Im Norden sehnt er sich nach dem Süden, und im Süden kann er sich nicht dem Norden entreißen: »nordsüdlich« ist deshalb seine Richtung, Zerrüttung ist in seinem Innern, mag er sie durch ein noch so schönes Paradox umschreiben. »Anders bin ich, als die, deren Lied ich singe, und abtrünnig denen, deren Blut ich habe«, sagt er vor sich hin, ißt »fremdes Brot« und singt »eigenes Leid«, wie der Herzog=Trouver aus seinen »P?emysliden«. Er blickt in die Welt, die pazifistische Frage auf den Lippen: »Und das Lied der Menschheits^ Versöhnung, wann erklingt es?« Mit Nietzsche antwortet er: »Dem Echo der Träume glaubt Niemand, nur Dichter, nur Rebell — zwei Narren.« Stolz wird er auf seine dichterische Berufung: inmitten des Wirrwarrs des Kosmos, in dem einst Sterne entstanden, will er selbst ein Stern sein, sicher seiner Schickung von Zeiten zu Zeiten. Derart wächst in ihm die Sucht nach der Souveränität des Individuums: selbst Schöpfer zu sein seines Grames und seiner Freude, aus eigenem magischen MitteW punkt sich den Lebenskreis umschreiben und die Karte der Welt so zu kennen, wie sie der eigene Geist zeichnet. Doch ist es ihm nie vergönnt, auf diesen Höhen zu verbleiben. Immer durchschneidet ihm ein Riß Traum und Welt. Das Chaos regiert wieder, weckt Stimmen, aus denen Meer. Weib und Rasse spricht, die durch konzentrische Kreise den unveränderten Dichter einengen. Kreise und Stimmen! Nicht umsonst hat Fischer so seine zwei prägnantesten Sammlungen genannt. 255

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