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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 254

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Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 254 (sequence 26)
Language
German
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ÜBER DIE JUDENTRAGE II Nein, es ist dies alles durchaus nichts Merkwürdiges, und bezüglich der Juden kann man mit vollem Rechte sagen: Wie ihr sie euch gemacht habet, so habt ihr sie. Man kann jedoch nicht zweifeln, daß die Juden, sobald sie die gleichen Rechte mit uns erlangen, mit der Zeit einen großen Teil ihrer Untugenden ablegen werden, weil diese nicht etwa im israelitischen Volksstamme liegen <jedes Volk ist gewiß gleich tugend= und untugendhaft), sondern in den Umständen, so wie jeder weltbereiste und erfahrene Mensch gut weiß, daß dieselben Manieren, welche die Juden bei uns haben*, wir beispielsweise auch bei den Armeniern und Griechen in der Türkei finden, und überhaupt in kleinerem oder größerem Maßstabe bei allen unterdrückten Nationen, die unter ihren Bedrückern wohnen. Natürlich kann man nicht erwarten, daß alle Juden nach der bloßen Gleichberechtigungserklärung ihren alten Adam ausziehen und mit allen Tugenden freier und gleichberechtigter Bürger brillieren werden: Was so viele Jahrhunderte im Charakter dieses Stammes Früchte trieb, das wird ein Jahr oder nur ein einziger Tag nicht ändern, aber was die Zeit verdarb, das wird die Zeit wieder gutmachen. Tragen wir selbst nur zu dieser Reform des Judentums bei, benehmen wir uns tatsächlich auch im Leben zu unseren israelitischen Mitbürgern wie zu wirklich Gleichberechtigten, schmähen wir sie nicht, erniedrigen wir sie nicht, nützen wir sie auf keine Weise aus, und bleiben an ihnen noch manche bekannte Gewohnheiten aus vergangenen Zeiten haften, tolerieren wir diese, eingedenk ihrer Ursachen. Übrigens haben es die Christen stets nur in ihrer eigenen Macht, sich gegen das alles, was man im allgemeinen Unrühmenswertes den Juden zuschreibt, zu wehren. Laß dich nicht betrügen, mach keine leichtsinnigen Schulden, sei vorsichtig: das sind nahezu alle Regeln, mit denen wir uns wehren können, deshalb halten wir alle Reden, daß die Emanzipation der Juden allen Übrigen stark schaden könnte, für zwecklos und überspannt. Wenn wir wirklich so eine erbärmliche und nichtswürdige Nation sind, daß uns ein paar tausend Juden in allen Geschäften usw. den Vorrang ablaufen und ummodeln können : wahrhaftig, dann sind wir nicht einmal eines Bedauerns wert. Ist es aber nicht so, werden wir uns bald hievon überzeugen, daß uns die Emanzipation der Juden nicht allein wenig geschadet hat, sondern noch genützt, wie jede ehrliche Sache nützen muß. Und möge wer immer was auch immer reden, jede politische Bedrückung ist ungerecht. Daß sich übrigens auch die Juden ihrerseits als gleichberechtigte Bürger aufführen, die neu erworbenen Rechte vorsichtig genießen und das Volk nicht gegen sich reizen sollen, ist eine Selbstverständlichkeit, speziell aber sollten sie mehr Sympathie für dieses Land haben, das ihr Vaterland ist, und sich in demselben nicht stets wie bloße Fremde benehmen, was ihnen um so eher zur Anerkennung bei den übrigen Mitbürgern verhelfen würde. <»Slovan« 1850.) Übersetzt von Isaak Reismann. * Es versteht sich von selber, daß wir niemals alle Juden meinen, sondern nur den größten Teil, weil Jeder gewiß nach seinen Erfahrungen auch Israeliten kennt, an welchen wir die Untugenden der Bedrückten überhaupt nicht merken und die sich allgemeiner Wertschätzung erfreuen. OTTO GUTFREUND ZI EGEL ARBEITER <i9io> 254

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