Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 235 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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IST S ODER H y L EIN OCK EIN CLOWN JUDA MAKKABAEUS? VON JAN NERUDA Es gesdiah öfters und es geschieht noch immer, besonders mit den »Heiligen Schriften« der einzelnen Völker, daß entweder ganze dichterische Schöpfungen oder einzelne Teile derselben falsch ausgelegt werden. Manchmal wird diese falsche Ansicht durch die Kritik richtiggestellt, manchmal ist auch die klarste Kritik umsonst. Aus dem Shylock des Shakespearschen »Kaufmann von Venedig« wird auf dem englischen und auch auf dem deutschen Theater oft ein Cfown, seltener ein Vertreter des jüdischen Märtyrertums, als sein furchtbarer Rächer, als sein Juda Makka^ bäus mit dessen tiefen Schmerze, mit dessen großer Idee in der Brust, kurzum eine tragische Figur gemacht, der nur die ungünstigen zeitlichen Verhältnisse an Stelle des Schwertes einen Wechsel und ein Fleischmesser in die Hand gedrückt haben, oft ist aber Shylock wieder eine Nebenperson, kein Held, sondern ein Clown. Man weiß, daß der »Kaufmann von Venedig« trotz der wahrhaften Figur des Shy^ lock kein Trauerspiel, ebenso wie der »Hamlet« trotz der Figur des Polonius kein Lustspiel ist. Der Lustspielcharakter des »Kaufmann von Venedig« nimmt Shylock nicht ein Körnchen seiner Wahrhaftigkeit. Shakespeare hat im Juden von Venedig in einem sofchen Rah* men fcurz individuafis siert, wie ihm das ganze Lehen von Venedig erschien. Betrachten wir den Aufbau des Stüdtes in bezug auf den Umfang seiner Bestandteile, so sehen wir, daß Shylodt allerdings nicht das ganze Stück ausfüllt. Er tritt in vielen Szenen nicht auf, wo er aber er^ scheint, wird die Szene wichtig und unsere Aufmerksamkeit wird durch ihn so lange gefesselt, bis er ruiniert aus dem ERNST NEUSCHUL Neruda war, wie auch Donath in seinem Aufsatz in diesem Heft berichtet, Antisemit. Schon aus diesem Grunde ist diese philosemitisdae Skizze unleugbar intern essant genug, um in diesem Rahmen gebracht zu werden. Gerichtssaal wankt. Würde er sich dann noch weiter zeigen, würde er durch seinen Ruin Mitleid erwecken, aber so durfte Shakespeare auf seine Zeitgenossen, die von dem Humanitätsgedanken unseres Jahrhun* derts weit entfernt waren, nicht einwirken. Daß Shakespeare selbst der Humanitätsgedanke nicht fremd war, geht aus seiner Bitterkeit der Äußerungen Shylocks gegen seine christliche Peiniger hervor. Das Hauptgewicht aber gibt er Shylock in der Gerichtsszene, wo seine Person die erste Person ist und selbst Porzia zurücktritt, der wichtigsten Szene des ganzen Spieles. Daß das Stück nach dem Falle Shylocks noch einen Akt weiterspielt, ist nicht entscheidend. Die Mondwandlerin Jessika könnten wir schon früher glücklich sehen und die verwechselten Ringe könnten schon am Schluß des vierten Aktes ihren Dienst vollenden, ohne daß der fünfte Akt unbedingt notwendig wäre. Shyfocß ist und hfeiht die Hauptperson ungeachtet dessen, daß die übrigen Personen ihre unansehnliche Klarheit noch in einem weiteren Akte ausbreiten, Shyfocü ist aher und hfeiht auch eine wahrhafte Tigur. Das Clowntum beruht sicherlich nicht darin, daß alle Personen mh> einander wetteifern, Shylock zu hefeidigen. Schon so manchem Vater ist seine Tochter ihrem Geliebten zuliebe mit seinem Vermögen durchgebrannt, ohne daß der Vater deshalb ein Bajazzo gewesen ist. Schon so mancher Tubal hat sich über das Unglück eines Freun* des lustig gemacht, schon so mancher Lanzelot ist aus den Diensten seines Herrn entlaufen, ohne daß es Jemanden eingefallen wäre, den Herrn wegen ähnlichermensch^ lieber Miseren einen Clown zu heißen. Daß selbst der gute Antonio mit Shylock kein Mitleid AUSWANDERER hat, daß sich Antonios 235