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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 234

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 234 (sequence 7)
Language
German
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JAHRZEITLICHT ein Zauberer, er malte Gedichte. Neuschul spricht suggestive, ausdrucksstarke Prosa. Die Schönheit wird in romantischen Bibelphantasien gesucht, »Josef und Potiphars Frau« (auffallend durch Vehemenz der Bewegung), »Simson«, »Susanna im Bade«, »Der Sündenfall«, »Simson und Dalila«. Ganz vortrefflich tobt sich das an großen, leidenschaftlichen Themen geschulte Temperament aus, wenn es sich nun auf die stille Natur wirft, einem Strandwinkel von Biarritz die ganze Dramatik einstürmender Wellenzüge entlockt. Wieviel feuriges Leben in diesem öden, menschenleeren Dünensand, in den Schaumlinien des unendlichen Meeres! Die Inspiration der Natur empfangend, wird er, ohne Naturalist zu sein, doch auch, ohne den Willkürtanz des Expressionismus mitzumachen, zum kraftvollen Gestalter. Eine »Artistengarderobe« bringt in grellen Farben die ganze Melancholie des Clowntums. Verwandt ein monumentales Gemälde: »Auswanderer«. Der Zug zur Monumentalität geht durch das ganze Werk Neuschuls und gibt viel Hoffnung auf die weitere Ent= Wicklung des Künstlers. Sogar im Format kleine Gemälde, wie die Bilder aus Spanien und vor allem die ganz ausgezeichnete »SpanischeTänzerin« wirken monumental. Und es ist immer ein gutes Zeichen, wenn man von einem kleinen Bild den Eindruck hat: »Das würde auch in starker Vergrößerung wirken«, als wenn man im Gefühl aus einer großen histo^ rischen Schwarte ein Miniaturbildchen machen möchte, um es halbwegs erträglich zu finden. Neuschul, in der kunstfeindlichen Industriestadt Aussig geboren, zigeunert als ruheloser Sohn Ahasvers, den es in keinem Orte lange duldet, durch die Welt. Neben spanische Visionen tritt Paris: ein Apachenpaar vor dem Hintergrund der tristesten Vorstadt — eine virtuos gezeichnete »Morgue«, geradezu abscheulich schön eine Spelunke, die man im Film gesehen zu haben glaubt. (Anmerkung: Zuerst nahm der Film seine An* regungen von der Literatur. Jetzt gibt es schon eine ganze Menge von Romanen denen man die Marke »Für den Film« anmerkt, die ihre Situationen aus der speziellen Kinotechnik schöpfen. Es stünde dafür, einmal nachzuspüren, ob nicht auch schon in der Malerei der Einfluß des Films merkbar wird. Ich sage das ohne jede Unwert* oder Wertbetonung. Spiritus flat, ubi vult! Und die Kunst darf ihre Anregungen aus jeglicher Provinz des Lebens heranbringen, zu einer alleinigen Mitte des Künstlerherzens.) Daß etwas von der Sensationslust des Kino in den scharfen, deutlichen, wie in Holz geschnittenen Umrissen, in den immer interessanten, oft mondänen oder betont anti=mondänen Motiven Neuschuls lebt, beweist nur, daß dieser Künstler kein Hehl daraus macht, im fahre 1924 zu leben — und daß er sich stark genug fühlt, diesen biographischen Qbelstand nicht durch allerhand abgestandene Lyrismen oder gesuchten Bizarrismus vertuschen zu müssen. JAHRZEITLICHT VON FRANTISEK GOTTLIEB I Störe die Ruhe nicht, würgt sich in heiligem Schauer Zwielicht krank! Aus grünem Kelch das Leben bricht: Einer, den müde gemacht der Jenseitsgang, gibt den Erinnerungen Licht . . . II Und Leben wird zu Tod, wächst nicht ein Sohn heran! Denn in der Einsicht Last, daß mit Gebet dich schlicht kein Mensch ins Jenseits ruft, und daß am Jahrzeittag in deinen schwarzen Traum nicht flackert kleines Licht *- wird Leben dir zu Tod! Aus dem Tsdiecnischen übertragen von Josef Kalmer. 234

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