Mannheim
Compact Memory

Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 233

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 233 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3139318-3133277-3133284--298-3133604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ERNST NEUSCHUL TAGBAU DER MALER ER VON Mi Einigen Gefahren, wie sie heute mehr oder weniger jedem Künstler drohen, ist dieser junge Maler schon entronnen. Die Scilla Hodler drohte ihm mit Parellismen, mit dem Pathos der rhyth* mischen Wiederholung — er floh die freie Natur, da wollte ihn die Charybdis Gauguin verschlingen. Zweifellos wird er auch noch manch andere Gefahr zu bestehen haben. Aber es ist ja durchaus falsch, wenn man den Wert eines Künstlers von der Tatsache abhängig macht, ob er sich beeinflussen läßt oder nicht. Im Gegenteil: je stärker ein Temperament, desto unbefangener wird es sich von Anfang an dem überwältigenden Einfluß starker Eindrücke hingeben, auch wenn zunächst diese Eindrücke — Erlebnisse der Werke Anderer sind. Und auf Künstelei und Unehrlichkeit läßt es schließen, wenn ein Künstler niemals dem Einfluß einer fremden Kunstindividualität unterlegen ist. Es gibt keine aßsofute Originalität. Aber es gibt eine Originalität, die sich von einem oder mehreren bestimmten Ausgangspunkten aus vom Stamm der Tradition loslöst und dann frei entwickelt. Solche NST NEUSCHUL OC BROD Ausgangspunkte sind im Werk Neuschuls in er* frischender Fülle zu konstatieren. Wie überhaupt eine weltliche und freudige Frische sein Werk charakterisiert. Eine Hingabe an alles, was lebendig, kraß, extrem, sinnlich und wütend ist, herrscht in diesen Bildern. Die Bilder Neuschuls überfallen den Besucher, er horcht auf, er wittert Gutes. Und ein positives Resultat ist es, daß bei längerem und näherem Betrachten der erste Eindruck nicht abgeschwächt wird. Dieser Maler hat nicht nur viel gesehen und gelernt, er kann viel. Er sagt alles klar heraus, seine Sprache ist verständlich, doch ohne ins Vorstadtidiom zu verfallen, er bedient sich satter, volltönender Farben, doch ohne sie als das Hauptsächliche im Bilde zu werten. Das Haupt* sächliche ist ihm die Form, sei es im ruhigen Verharren, sei es in ausdrucksvoller Bewegung. Also tief erfühlte Realität in Formen« und Farben* klang umgesetzt. Dabei pflegt die Harmonie »dur« zu sein. Er träumte wohl oft von Tahiti und Gauguin,- den französischen Malerpoeten hat er wohl in sein Malerherz geschlossen. Gauguin war 233

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.