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Das Zelt · 1924-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1924) · p. Seite 232

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1924)
Date
1924-07-01
Page
Seite 232 (sequence 5)
Language
German
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ÜBER DIE JUDENTRAGE vorhanden/ die Juden sind ein eigenes Volk, wenn sie auch ihre gesprochene Sprache eingebüßt haben. Aber die Sprache allein ist keinerlei ethnographisches Merkmal einer Nationalität. Marx beurteilt die religiöse Frage überhaupt unrichtig und versteht daher auch nicht diese Seite der Judenfrage. Die Frage ist de facto auch eine religiöse Frage, wenn auch in den verschiedenen Ländern in ungleichem Maße. Die galizischen und russischen orthodoxen Juden sind sicherlich kein Spinoza oder Mendelssohn. Die Idee Bauers, daß der Jude gegenwärtig einen niedrigeren Grad von Entwicklung repräsentiert, enthält ein Stück Wahrheit und deshalb ist es der Überlegung wert, ob ein Jude und wie, wenn er das christliche Stadium nicht durchmacht, mit einem Christen gleichartig in ein Stadium des Über* Christentums eintreten könne. Man könnte Bauer entgegnen, daß ein großer Teil der Juden an der allgemeinen Entwicklung Anteil nimmt, aber sicher^ lieh gilt das nicht für alle Juden. Marx schadet hier und gerade hier der Materialismus. In seiner materialistischen Einseitigkeit reduziert er das Judentum auf den Egoismus. Sicherlich kann man aus den Juden nicht ein Organ allgemeinen Geizes, quasi einen Blitzableiter allen Geizes machen,- auch darin ist nur ein Stück Wahrheit. Marx hat die Eigenschaften der Juden ungenügend charakterisiert und deshalb unterscheidet er nicht ihre guten und schlechten Charakterseiten. Deshalb unterscheidet sich sein Urteil über die Juden nicht sehr von ihrer. Verurteilung Stirners. Es ist sicher, daß das jüdische Volk nicht allein Schacherer, sondern auch Jeremiasse, Hiobs, Spinozas und — Christus charakterisieren. Marx hat das jüdische Problem nicht einmal nach der historischen und allgemein-kulturellen Seite hin erfaßt. Die Rezeption nicht allein der Juden, aber hauptsächlich des Alten Testamentes ist sicherlich ein sehr wichtiges Faktum. Marx hat recht, daß die Christen <nur bis zu einem gewissen Maße!) verjudeten, aber dies war nicht allein zu ihrem Schaden, sondern auch zu ihrem Nutzen,- die Reformation war bis zu einem beträchtlichen Maße eine Rezeption des Alten Testamentes und des Judentums und, ich wiederhole es, zum Nutzen der modernen Völker. Ich denke selbstverständlich nicht daran, daß man das ganze Judentum rezipieren soll. Aber es verhält sich so wie mit der Rezeption des römischen Rechtes und der klassischen Kultur — man soll den notwendigen und guten Teil rezipieren, es handelt sich dann nur darum, den eigenen und den ganzen rezipierten mit einer lebendigen und schöpferischen Synthese zu verarbeiten. Darum handelt es sich — und davon sind wir bisher noch weit entfernt. Dieser Arbeit müssen sich natürlich die Juden ebenso wie die Christen unterziehen. Eine solche Lösung ist natürlich nicht der materialistische und reaktionäre Antisemitismus, es ist auch nicht der sozialistische Antisemitismus und Philosemitismus. Marxens Formel genügt hier durchaus nicht, da sie de facto nur ein Umgehen der Frage darstellt,- Marxens Formel genügt auch den Marxisten selbst nicht — wenigstens habe ich bemerkt, wie Bernstein unlängst Bax — des Antisemitismus beschuldigte. Marx erklärt übrigens hübsch an einer Stelle gegen Bauer, daß der Jude, wenn er die Nichtigkeit seines praktischen Sinnes erkennt und sich um seine Beseitigung bemüht, sich um die allgemeine menschliche Emanzipation bestrebt. Ein Stück solcher Arbeit der Wiedergeburt erblicke ich im Zionismus. Ich meine damit nicht die Auswanderung nach Palästina ~- die Juden können ruhig dort verbleiben, wo sie sind, aber sie müssen einsehen, daß ihr moralischer Standpunkt einer Reform bedarf. Die Ausreden auf das Christentum genügen nicht das ist nur eine Ausrede. Den heutigen Juden fehlt die Selbsterkenntnis der Propheten, ein Hindernis ist auch dieser eigenartige Objektivismus, der auch ein nationales Erbteil Marxens war. Aus Furcht vor der Majorität trauen sich die Juden nicht, in ihr Gewissen zu blicken: es ist wahr, daß die Christen da mitschuldig sind, aber doch nur mitschuldig. Die Juden, und dies ist ißr Hauptfefifer, sina mit sich affzuseßr zufrieden. Die Anhängerschaft der Juden zum Sozialismus ist erklärlich — sein revolutionärer Charakter nützt den gesellschaftlich und politisch Unterdrückten. In Deutschland hat schon Heine für das Proletariat geschrieben und seinen Revolutionismus gepriesen, Lassalle und Marx wurden deutsche Führer und jetzt bereits des gesamten Sozialismus. Dies ist eine merkwürdige Übereinstimmung des Objektivismus auf beiden Seiten, — aber eine Lösung der Judenfrage ist der Marxismus keineswegs. * Der Artikel »Zur Judenfrage« in den deutsdWranzösischen Jahrbüchern (1844), und dann in der »Heilige Familie«. (1845.) In der Neuen Rheinischen Zeitung setzt er in gleichem Sinne fort. Marx rezensiert Bauers »Die Judenfrage« 0843) und »Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden.« <i843-> 232

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