Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1924)
- Date
- 1924-07-01
- Page
- Seite 231 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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DAS Z E LT I. JAHRG. 1924 HEFT 7/8 ÜBER DIE J l VON TH. G. Ein ganz spezielles Problem war für Marx natürlicherweise die Judenfrage. In der deutschen Literatur und Journalistik befaßt man sich mit dieser Sache bereits seit dem vorigen Jahrhundert. Das Jahrhundert der Humanitätsphilosophie und Aufklärung, das Jahrhundert der Menschenrechte konnte gerade dieser Frage nicht ausweichen. In Deutschland hatte nicht umsonst Lessing seinen Nathan geschrieben. Im Geiste dieses Idealjuden begann Mendelssohn, selbst ein Jude und Lessings Schüler, an der Emanzipation der Juden — und Christen zu arbeiten,- er trug hauptsächlich, wie Scherer sagt, dazu bei, daß die deutschen Juden Deutsche wurden. Namentlich in Berlin gelangten die Juden durch den Kapitalismus zu Einfluss, und zu einem größeren Einfluß, als es ihnen der Buch^ stabe des Friedrichschen Gesetzes gönnte <— Theater, literarische Salons und Journalistik schlössen bald Kompromisse mit der jüdischen Bourgeoisie. In diesem Jahrhundert rührte namentlich Heine direkt und indirekt an die Judenfrage. Nebst der Philosophie und Literatur verursachten und verursachen die politische und wirtschaftliche Entwicklung aus der Judenfrage einen beständigen Tageszwist. Zur gleichen Zeit <in der Mitte der Vierziger^ jähre), als bei uns Nebelsky (unter deutschem Einflüsse) die Judenfrage zur Diskussion brachte, beschäftigten sich die Hegelianer in Deutschland mit diesem Gegenstande kritisch. Stirner befaßt sich mit den Juden, aber hauptsächlich B. Bauer behandelt ihre Emanzipation. An seine Ausführungen knüpft Marx an.* Marxens Artikel ist ein wichtiger Beitrag zu IDENFRAGE MASARVK dieser Frage,- er beleuchtet auch Marxens politischen und religiösen Ideen. Bauer irrt, wie Marx sagt, darin, daß er in der Judenfrage eine religiöse und nationale Frage sieht, wogegen sie in Wirklichkeit eine wirtschaftliche Frage ist. Bauer verlangt nämlich von den Juden, sich genau so wie die Christen von der Religion zu emanzipieren, dann würden sich beide als Menschen verstehen und sich auf wissenschaftlichem Boden einigen — die Wissenschaft wird sie zusammenführen. Politisch verlangt Bauer, wie es schon Mendelssohn forderte, vollkommene Trennung des Staates von der Religion, daß er vollkommen religionsfrei werde und daß der Staat selbst natür^ lieh ein freier, demokratischer sei. . . Die Ansichten Marxens in der Judenfrage sind an sich wenig originell, sie sind nichts als eine Zuspitzung der von Feuerbach gebrachten Aus-* führungen über den egoistischen^Ionotheismus der Juden. Auch Bauer bringt eine Charakteristik der Juden nach Feuerbach. Ich glaube nicht, daß die Ausführungen Marxens überzeugen könnten. Aufrichtig gesagt, sind sie kfüger, als es für die wahrhafte Lösung dieser Frage gehört,- im Judentum den Gipfel des Christentums zu sehen — das geht doch nicht an,-beweisen, daß das Christentum wieder ins Judentum zurückge^ kehrt ist! Dies ist ein hegelisches Spiel mit der Negation der Negation, aber richtig ist es in keiner Hinsicht. Gab es denn vor dem Christentume keine Juden? Deshalb, selbst wenn es wahr wäre, daß sich die Christen ihre Juden erzogen hätten, ist es nur bis zu einem gewissen Maße war. Marx will in der Judenfrage nicht die nationale Seite, die Rassenseite sehen — und doch ist sie 231