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Das Zelt · 1924-06-01 · Heft 6 (Juni 1924) · p. Seite 215

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das Zelt
Volume
1 (1924)
Issue
Heft 6 (Juni 1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 215 (sequence 30)
Language
German
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JOSSET TRi CHALUZ: Das bin ich, Jossef. Bin erst seit wenigen Tagen mit fünf anderen Kameraden zu euch gestoßen. TRUMPELDOR: Dacht ichs mir gleich. (Zum Zuschauer): Hier ist der Rest der Post, teilt ihn aus. Nur diesen schlichten Brief sondere ich ab, weil er an midi gerichtet ist. (Die Post wird still ausgeteilt.) SCHMUEL: Nun laßt uns der Gaben Gottes freuen und das Brautpaar zu seinem Ehrenplatze führen. TRUMPELDOR (um sich blickend): Wie verführerisch all der Blumenzauber ist. Hier reicht der Lenz dem Sommer die Hand. Nur eines vermiß ich als Soldat. SCHMUEL: In der Tat, welch Versehen! Fahnen her, Bruder Levi! (Zwei eilen hinaus und kehren bald mit zwei großen, blauweißen Fahnen zurück, die sie im Hintergrunde kreuzweise über dem Fenster befestigen. Von links, der Westseite her, fallen die Strahlen der durch die Wolken brechenden Abendsonne herein. Vom Zuschauerraum aus sieht man in der Fensterbrüstung links den Schrägschatten des greisen Wanderers. Farkas setzt sich ans Klavier.) AHARON: Ein würdiger Anfang fürwahr! SCHMUEL: Dem würdigen Anfang folge der Segenstrunk. (Er öffnet die Flasche. Die Uebrigen setzen sich um die Tische, gleichfalls ihre Flaschen öffnend und sich einschenkend. Das Brautpaar sitzt vorne.) TRUMPELDOR (erhebt sich. Stille): Es ist zwar nicht üblich, meine Herren, daß sich der Bräutigam selber vorstellt. Da jedoch ein offenes Geheimnis vorliegt, zeige ich dennoch die Erfüllung des schönsten Traumes meines Lebens an. Als russischer Soldat erzogen, durch die gewaltigen Kriege der verflossenen zwei Jahrzehnte bald in den Kaukasus und bald in den fernen Osten Asiens versetzt, schien ich mein Leben in der Fremde beschließen zu müssen, bis mein jüdisches Herz zu schlagen begann. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Was gestern das Hochziel meines Lebens und Strebens gewesen, der Soldatenrock mit seinen Achselklappen und Ehren, ist über Nacht nur Plunder für mich geworden und die Sehnsucht meiner Vorfahren führte mich mit großer Gewalt hierher, um mich für immer an die teure Heimatscholle zu binden, deren Stimme in meinem Herzen kräftiger widerhallt, als alle Locktöne des Abendlandes. Darum ergreife ich freudigen Herzens den Becher, um meine Verlobung mit Sulamith anzuzeigen. SCHMUEL (aufstehend): Das Brautpaar soll leben! ALLE (ebenfalls aufstehend): Hoch! hoch! hoch! (Alle gehen der Reihe nach zum Brautpaar, die Tassen mit Trinksprüchen anstoßend. Rochebeth trägt Gebäck und Früchte auf.) TRLIMPELDOR (nach einer kleinen Pause): Zu den Freuden des Tages gesellt sich eine ganz besondere, deren ich Erwähnung tun muß. (Alle merken auf.) Heute Vormittag sprach der junge Schech, 'Abd er ra'uf, nach zweiwöchentlicher Abwesenheit bei mir vor. Anfang ging es, um es gleich vorweg zu nehmen, ganz hitzig zu. A. M. SCHEIN, WIEN DER MALER VIKTOR TISCHLER Doch bald hatte sich die richtige Fährte für die Verständigung gefunden, die wir mit Handschlag und Bruderkuß besiegelt hätten, wenn nicht der dunkle Schatten eines Dritten wie eine Scheidewand zwischen uns schwebte. SCHMUEL: Wer ist dieser Dritte? TRUMPELDOR: Der fremde Offizier - MEHRERE: Der Lump. TRUMPELDOR (stutzend): Wie? SCHMUEL: Die passende Bezeichnung hast du schon richtig verstanden. Vor einem halben Stünde chen nodi haben wir ihn als den größten Zwistenträger und Giftpilz der Umgegend entlarvt. TRUMPELDOR: Und wo ist er hin! Den sucht 'Abd er ra'uf, um ihn vor uns zur Rechenschaft zu ziehn. SCHMUEL: Laß es gut sein, Jossef! Der Schech wird sein Wort zu halten wissen. TRUMPELDOR: Hat er mit Groll euere Schwelle verlassen? Auf eurem Antlitz lese ich die Antwort. SCHMUEL: So ist es. Er hat die Araber mit allerlei Schimpfnamen belegt, was wir nicht dulden wollten. TRUMPELDOR: Also zieht das Schicksal sein Fangnetz immer enger um uns zusammen. Bald wird sichs erweisen, wer für und wer gegen uns ist. Hier in der Hand halte ich das Schreiben des Schechs von Hunim, in dem er mich seiner Freundschaft versichert. Er sei bereit, mir auf der Stelle fünfzig auserlesene Reiter zu Hilfe zu schicken. SCHMUEL: Es ist rührend. Allein wir führen keine Kriege, um seiner Streitkräfte zu bedürfen. TRUMPELDOR: In diesem Sinne will ich ihm auch schreiben. Wenn ich aber unsern Stand in der Fremde mit unserer gegenwärtigen Lage vergleiche, so kann ich mit Befriedigung fest- 215

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