Das Zelt
- Journal
- Das Zelt
- Volume
- 1 (1924)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 216 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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JOSSET TR stellen, daß wir erst hier im Gelobten Lande haben erkennen dürfen, wozu wir Juden geschaffen sind. WANDERERS STIMME (von draußen): Hast du zuvor ergründet, was ein Jude ist? (Alle wenden sich nach der Stimme um. Eine Wolke bedeckt das Abendrot, so daß es stark dunkelt. Eine herabhängende Lampe wird angezündet.) SULAMITH: Es ist der greise Wanderer. Führt ihn herein! CHALUZ (hinausgehend): Tretet ein, Väterchen, was steht ihr draußen, wo das Gewitter sich über eurem Haupte zusammenzieht? WANDERER (noch draußen): Mein ganzes Leben stand ich unter einem unaufhörlichen Gewittersturm. Mir ist nie wohler als in dem Toben dieser schönen Welt. (Tritt mit dem Chaluz auf. Zu Trumpeldor): Ihr spracht so viel von eurem jüdischen Herzen, das ihr entdecktet. Mit welch erhebendem Schauspiel habt ihr euere Verlobung angefangen? SULAMITH: O, ich verstehe ihn. TRUMPELDOR: Es fehlte unserem Kreise die Würde euerer Persönlichkeit, Väterchen. (Er führt den Wanderer zu seinem Sitze ihm gegenüber.) WANDERER: Reicht mir zuerst das Buch der Bücher, wenn ich hier bleiben soll. (Feierliche Ruhe. Rochebeth holt die Bibel.Wanderer schlägt das Buch Ruth auf.) In alten Tagen war unser Volk gewöhnt, jede Freude mit einem Wort der Schrift einzuleiten. Erlaubt mir darum, nach altem Brauch zu feiern. TRUMPELDOR: Ihr seid unser Ältester. Ihr habt das Wort. WANDERER: Und Ruth sprach: »Wo du hingehst, da will ich auch hingehen. Wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe ich auch. Da will ich auch begraben werden. Der Herr tue mir dies und das. Der Tod muß mich und dich scheiden.« (Er schließt die Bibel.) Das war der fromme Geist, der in alten Tagen unserem Volke gegen alle seine Widersacher half. Seitdem aber ist es ganz anders geworden. Seitdem hat man die Lehre von der Schutz- und Trutzfarbe verbreitet und anzuwenden versucht. MEHRERE: Wie lautet denn diese Lehre? WANDERER: Erlaubt mir eine andere Frage zuvor: Welche Stellung nimmt unser Volk unter den Völkern ein? SCHMUEL (nach einer kurzen Pause): Unser Volk ist in der Bibel wiederholt mit den Sternen verglichen worden und ebenso oft mit dem Staub der Erde. Steigt es, so erklimmt es Sternenhöhe,• fällt es aber, so stürzt es tief in den Staub. WANDERER: Schön gesprochen. Das Wesen des Volkes jedoch hast du nicht näher bezeichnet. TRUMPELDOR: Dann sagt ihr uns, Väterdien, wofür ihr unser Volk haltet? WANDERER: Es ist das Opfertier der Welt. Seit Jahrtausenden wird es gequält und gemartert, gehetzt und verfolgt, geschlagen und geschlachtet. Sanft wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, hat es dies alles geduldet und still dazu geschwiegen. ALLE (begeistert): Das ist die Wahrheit! WANDERER: Aus diesem Grunde hat man die Lehre von der Schutz« und Trutzfarbe gepredigt. TRUMPELDOR: Erklärt euch näher, Greis! WANDERER: Von großen Naturforschern ist auf den wesentlichen Umstand hingewiesen worden, daß wehrlose Geschöpfe zumeist ein natürliches Schutzmittel besitzen. So teilt zum Beispiel mancher Vogel die Farbe des Astes, darauf er gewöhnlich steht, damit ihn der Verfolger nicht so leicht entdecke. Da unser Volk im Laufe der Jahrhunderte völlig wehrlos geworden, versuchte es sich ein ähnliches Schutzmittel zu bereiten. So hielt es der Jude mit der Zeit für eine Ehre, sich nach dem Volke anzugleichen, dessen Gast^ freundschaft er genießt. Also zersplitterte sich der eine große Volksstamm in tausend Äste und Zweiglein. TRUMPELDOR: Wie beschämt ihr uns mit diesen wahren Worten. WANDERER: Es hat sich aber in den letzten Jahren erhärtet, daß die gesamte Lehre von den Schutzfarben nichts taugt. Gerade die Art, wie ein Fuchs oder ein Hund sein verstecktes Opfer aufspürt, ist bezeichnend. Die scheinen ihren Augen überhaupt nicht zu trauen, sondern einzig ihrer Nase. Und es haben sich im Abendlande Meister Petz und Isegrim, Vetter Fuchs und Gevatter Dachs verschworen, das wehrlose Opfertier herauszuspüren und zu töten. TRUMPELDOR: Ja, es ist so! Allein haben die Verschworenen nicht gut getan? Wo stünden wir jetzt, hätten wir diesen Haß nicht zu fühlen bekommen? SCHMUEL: Nodi immer in der babylonischen Gefangenschaft. WANDERER: Wie wohl wird mir unter euch, meine Kinder, da mich mit euch e i n Geist und eine Seele verbindet. (Kurze feierliche Stille folgt, während welcher das Grollen des Donners zunimmt. Plötzlich vernimmt man eine fremde Frauenstimme hinter der Szene.) FRAUENSTIMME (hinter der Szene): Hellseherin! Wahrsagerin! Schicksalsverkünderin! WANDERER (fährt auf): Was war das? SCHMUEL: Meßt dem Rufe keine Bedeutung bei! Eßt weiter! WANDERER: Mir war aber, als hört ich die Stimme des Teufels. SULAMITH: Ihr habt euch nicht getäuscht. Es war die Stimme einer Wahrsagerin, die ihre Kunst feilbietet. WANDERER: Wehe, einer Wahrsagerin! Wer zeigte dem Unglücksraben den Weg hierher? Heißt es nicht deutlich in der Schrift: »Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen.« AHARON: Sie ist nicht nur eine Wahrsagerin, sondern auch eine gute Tänzerin. In dieser Eigenschaft habeich sie kennen gelernt. (Aufstehend): Ich werde sie zu einem Tanz hereinrufen. WANDERER: Dann ist meines Bleibens nicht mehr. (Ein Windstoß fährt über die Bühne und löscht das Licht aus. Während das Licht wieder angezündet wird, zucken wiederholt Blitze auf.) 216